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Wenn die Wolke kommt ... Broschüre informiert über Katastrophenschutz bei Unfall in Cattenom

Wenn die Wolke kommt ... Broschüre informiert über Katastrophenschutz bei Unfall in Cattenom

Wie wird die Bevölkerung geschützt, wenn es im Atomkraftwerk von Cattenom einen schweren Unfall gibt? Um einige Fragen zu beantworten, verteilt die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier ab heute Broschüren an etwa 1900 Haushalte in der Verbandsgemeinde Saarburg.

Seit langem leben die Menschen in der Verbandsgemeinde (VG) Saarburg mit dem unguten Gefühl, in unmittelbarer Nähe eines Atomkraftwerks zu wohnen. Nur 30 Kilometer Luftlinie sind die Reaktoren in der französischen Stadt Cattenom von Saarburg entfernt.

Das Kraftwerk gehört zu den ältesten in Frankreich. Immer wieder gibt es Meldungen über Störfälle. Allein in diesem Jahr registrierten die Behörden 39 Zwischenfälle. Der Stresstest für europäische Reaktoren hatte ergeben, dass es zu den gefährlichsten gehört (der TV berichtete). Doch die wenigsten Menschen wissen vermutlich, was zu tun ist, wenn sich nach einem schweren Unfall radioaktive Strahlung in der Region breitmacht.

Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier lässt nun vom Kreis Trier-Saarburg Broschüren verteilen, die seit heute 1900 Haushalte in Palzem, Merzkirchen, Kirf und Wincheringen in ihrem Briefkasten haben werden. Weitere Broschüren liegen im Bürgerbüro der VG Saarburg und in der Kreisverwaltung in Trier aus. Auf der Internetseite des Kreises sind die Informationen der Broschüre auch auf Englisch, Französisch und Polnisch zu bekommen.

"Mit den Hinweisen möchte die ADD über Auswirkungen eines möglichen Unfalls im Kernkraftwerk Cattenom und über sinnvollen Schutz informieren und den Bürgern helfen, sich vorzubereiten", teilt ADD-Präsidentin Dagmar Barzen mit. "Nach der Katastrophe in Fukushima ist das Thema Atomenergie wieder stärker in das Bewusstsein der Menschen gerückt. Auch deswegen wird diese Broschüre verteilt", sagt Kreissprecher Thomas Müller. Unter dem Titel "Notfallschutz für die Umgebung des Kernkraftwerks Cattenom" sind unter anderem folgende Informationen zusammengefasst:

Was kann bei einem Unfall passieren? Bereits unmittelbar nach einem Unfall kann sich eine Wolke mit radioaktiven Partikeln ausbreiten. So werden die Menschen direkt von außen bestrahlt. Die radioaktiven Stoffe können sich auch auf dem Boden absetzen. So verstrahlen sie Menschen nach direktem Kontakt mit dem Boden. Innerlich nehmen die Menschen Strahlung durch Einatmen oder mit belasteten Lebensmitteln auf. Radioaktive Wolken sind farb- und geruchslos.

Die Gefahrenzonen: Die Katastrophenschutzplaner unterteilen die Gebiete um ein Atomkraftwerk in vier Zonen. Die Zentralzone Z liegt innerhalb eines Kreises mit Radius 1,5 Kilometer. Die Mittelzone M hat einen Radius von zehn Kilometern. Die sogenannte Außenzone A hat einen Radius von 25 Kilometern. In dieser Zone liegen Palzem, Merzkirchen, Kirf und Teile Wincheringens. Für diese Zone hat der Kreis einen konkreten Evakuierungsplan erstellt. Als Fernzone F wird ein Kreis mit 100 Kilometern bezeichnet.

In Gebäuden aufhalten: Im Katastrophenfall sollten sich die Menschen möglichst in Häusern aufhalten. Die Fenster der Wohnung sollten geschlossen werden. Besseren Schutz bieten Kellerräume, den besten Schutz Kellerräume ohne Fenster. Es sollte aber weiterhin möglich sein, Lautsprecherdurchsagen und Rundfunksendungen hören zu können. Geräte, die Luft von außen ansaugen, etwa Klimaanlagen, sollten abgeschaltet werden.

Jodtabletten: Bei einem Unfall kann radioaktives Jod freigesetzt werden, das sich in der Schilddrüse festsetzt. Sättigt man die Schilddrüse mit nicht-radioaktivem Jod, kann sich das Gift nicht in dem Organ festsetzen. Die Kreisverwaltung verteilt die Tabletten im Bedarfsfall an die Bevölkerung.

Evakuierung: Sollte selbst in Wohnungen die Strahlung zu stark sein, evakuiert der Katastrophenschutz die Orte. In Konz wird eine Notfallstation aufgebaut, an der die Bevölkerung betreut wird. Für die Messung der Strahlung sind neben dem Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht auch die Feuerwehren Freudenburg, Kirf und Trier zuständig.

Die Broschüre enthält Basisinformationen. Was fehlt, sind konkrete Hinweise, wie sich die Menschen im Katastrophenfall verhalten sollten. Dazu sagt die ADD: "Ratschläge an die Bevölkerung sind vom Störfall abhängig und können nicht pauschal in einer Broschüre beschrieben werden. Eine Empfehlung, die in jedem Fall die richtige Maßnahme darstellt, gibt es nicht."
Diplom-Physiker Heinz Smital arbeitet in Hamburg als Experte für die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Er hält die Broschüre für unzureichend: "Das Ziel der ADD, unmittelbare Folgen eines Unfalls auf die Bevölkerung zu begrenzen, kann bei einem schweren Unfall mit früher Freisetzung von Strahlung so nicht erfüllt werden." Im ungünstigen Fall müsse binnen weniger Stunden evakuiert und Jod ausgeteilt werden.Meinung

Bürger bleiben ratlos
Der Kreis Trier-Saarburg hat im Auftrag der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Broschüren verteilt, die den Menschen einige Grundinformationen über den Katastrophenschutz bei einem Reaktorunfall in Cattenom vermitteln sollen. Diese Informationen schaden keinem. Aber viele Fragen bleiben unbeantwortet. Zentrale Botschaft der Broschüre: Die Behörden haben einen Plan! Viele Bürger dürfte die Lektüre des Heftchens jedoch auch ratlos machen. Denn Tipps, was man im Notfall selber tun kann, gibt es kaum. Darf ich noch Wasser aus der Leitung trinken? Wie komme ich an Jodtabletten, wenn ich gehbehindert bin? Was kann ich bei einer Evakuierung mitnehmen? Auf welchem Sender informiert mich der Katastrophenschutz? Viele Informationen sollen erst im Falle eines Unfalls von den Behörden verbreitet werden. Dann ist es aber möglicherweise schon zu spät. Es bleibt zu hoffen, dass die ADD noch nachlegt. t.thieme@volksfreund.deExtra

Das Kernkraftwerk Cattenom liegt auf französischem Staatsgebiet im Departement Moselle, etwa 2,5 Kilometer nordwestlich der Gemeinde Cattenom. Es gehört zum staatlichen französischen Konzern Electricité de France (EDF). Das Kraftwerk besteht aus vier Druckwasserreaktorblöcken. Jeder Kraftwerksblock hat eine Leistung von etwa 1300 Megawatt. Die jährliche Stromerzeugung liegt zwischen 30 und 35 Milliarden Kilowattstunden. (Quelle: ADD)