Wenn Gefühle fehlen

KONZ. Was tun, wenn die Eltern feststellen, dass das eigene Kind Drogen nimmt? Der Autor Jörg Schmitt-Kilian, ehemaliger Drogenfahnder, schüttete bei einer Veranstaltung im Rahmen der rheinland-pfälzischen Bibliothekstage in der Konzer Stadtbibliothek ein Füllhorn von Denkanstößen aus.

Die Tabuisierung des gesellschaftlichen Problems, wenn Jugendliche und Kinder zu Drogen greifen, zeigte sich auch bei der Veranstaltung mit dem ehemaligen Drogenfahnder Jörg Schmitt-Kilian in Konz. Knapp 20 interessierte Eltern und Pädagogen waren gekommen - anders am Vormittag, als 125 Hauptschüler den interaktiven Ausführungen von Schmitt-Kilian gespannt gefolgt waren. "Wir bieten hier einen neutralen Ort", meinte die Leiterin der Bibliothek, Karin Storf-Becker, am Rande der Veranstaltung, die im Rahmen der landesweiten "Bibliothekstage" stattfand. Manche Schulen würden Informationsveranstaltungen dieser Art aus Sorge, in den öffentlichen Verdacht zu geraten, Drogenprobleme zu haben, nicht bieten. Ihre Meinung bestätigte sich, als am Ende des Abends eine kritische Diskussion entbrannte. Insbesondere an Gymnasien werde das Drogenproblem verdrängt, behauptete Schmitt-Kilian - um den Vorwurf später auf Einlassung des Konzer Gymnasiumsleiters als Pauschalierung zurückzunehmen. Nur durch einvernehmliche Zusammenarbeit von Lehrern, Schülern, Eltern und Fachleuten sei dem Drogenproblem beizukommen. Frühe Erfahrungen mit Drogen

Bereits mit zwölf, 13 Jahren sammeln Heranwachsende nach Aussage des Drogenexperten Erfahrungen mit Alkohol und Haschisch. "Das Dunkelfeld ist sehr hoch", meinte Schmitt-Kilian. Schätzungsweise 800 Milliarden US-Dollar mache die organisierte Kriminalität jährlich an Umsatz. Der Knackpunkt: "Eltern interessiert das Gefühlsleben ihrer Kinder und was sie machen häufig nicht. Es lässt sie kalt", sagte Schmitt-Kilian. Der Koblenzer Kriminalhauptkommissar, der verdeckte Ermittlungen im Drogenmilieu anstellte, 15 Bücher schrieb, drei Filme machte und gefragte Seminare bietet, berichtete spannend über das Gefühlsleben von Jugendlichen. In einem Perspektivenwechsel erläuterte er, wie Erwachsene aus Sicht ihrer Kinder reagieren, und wie man sie glaubwürdig erreichen kann. "Wenn Jugendliche bei einer Party mitkiffen, dann aus Neugierde und meist wegen des Gruppendrucks", erklärte Schmitt-Kilian. Wer nicht mitmache, sei häufig später einem enormen seelischen Druck durch die anderen ausgeliefert. Erschreckend waren die Befürchtungen der Jugendlichen, wie Eltern reagieren würden, wenn sie Drogen genommen hätten: schreien, ausrasten, bestrafen, Freunde verbieten, lauteten die Ängste der Jugendlichen. Dabei sollten Eltern, so Schmitt-Kilian, Ruhe bewahren und erst am nächsten Tag das Gespräch mit ihren Kindern suchen. "Der eigentliche Skandal ist nicht, dass es Drogen gibt. Sondern, dass die Jugendlichen oft keine einzige erwachsene Person ihres Vertrauens kennen, wenn sie oder ihre Freunde Drogen nehmen." Ein problematischer Konsum von Cannabis beginne bei einmal wöchentlicher, regelmäßiger Einnahme. Um eine Lücke im Hilfsangebot zu schließen, hat sich nach Berichten einer Mutter eine neue Selbsthilfegruppe von Eltern drogenabhängiger oder -gefährdeter Jugendlicher gebildet (ausführlicher Bericht folgt). Weitere Informationen bei Sekis (Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle): Telefon 0651/141180.

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