Wie aus Fremden Freunde und Konzer wurden

Wie aus Fremden Freunde und Konzer wurden

Konzer Gastarbeiter und Vorgesetzte der ehemaligen Textilfirma Kuag sind vom Interkulturellen Netzwerk (IN) und Bürgermeister Karl-Heinz Frieden für ihre Lebensleistungen gewürdigt worden. Unter der Moderation von TV-Redakteur Dieter Lintz berichteten die fünf Zeitzeugen der ersten Stunde, wie sie die Ankunft in Konz erlebt hatten.

Konz. "Wir haben Gastarbeiter gerufen, und es kamen Menschen." Dieser bekannte Ausspruch von Max Frisch beschreibt die Langzeitbeziehung zu den Ausländern, die vor mehr als 50 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und längst Nachbarn und Freunde sind. Doch wie war das damals in Deutschland? Wie erlebten die ausländischen Arbeitskräfte jenes Land, das sie Anfang der 1960er Jahre anwarb, weil das Wirtschaftswunder nach ihnen verlangte? Mit welchen Hoffnungen und Träumen packten sie ihre Koffer und verließen ihre Heimat, Eltern und Freunde? Die Antworten auf diese Fragen gaben ehemalige Gastarbeiter aus Konz, die das Interkulturelle Netzwerk (IN) am Freitagabend in den Konzer Doktor-Bürgersaal einlud. Unter dem Motto "Auf Zeit. Für immer - Konzer Gastarbeiter erinnern sich" erzählten Yilmaz Kantar und Ahmed Haliloglu aus der Türkei und Xhelal Lokaj aus dem ehemaligen Jugoslawien ihre Geschichte exemplarisch für alle anderen Gastarbeiter der Stadt, in der heute Menschen aus 100 Nationen zusammenleben. Auch andere Zeitzeugen wie etwa die ehemaligen Vorgesetzten Albert Klein und Dr. Ulrich Haas von der Textilfirma Kuag kamen zu Wort.
Abwechselnd berichteten die Teilnehmer unter der Moderation von Dieter Lintz (Leitender Redakteur des Trierischgen Volksfreunds) aus ihrem Leben.
Entwürdigende Untersuchung


Klein erinnerte sich an ein Treffen mit einem jugoslawischen Arbeitsamts-Mitarbeiter, das ihn immer noch amüsiert: "Er öffnete seinen kleinen grünen Schrank. Anstelle mit Papier war er gefüllt mit albanischen Cognac." Thomas Zuche vom IN Konz beleuchtete den politischen Hintergrund: "Nachdem türkische Auswanderungsbehörden in den 60er Jahren ihr Okay gegeben hatten, selektierten Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeit mit deutschen Ärzten und deutschen Personalchefs die geeigneten Arbeitskräfte in Istanbul aus." Ahmed Haliloglu wollte eigentlich nur einen Freund verabschieden, als er abgeworben wurde. "Was auch immer mich in Deutschland erwarten würde, ich war bereit, es zu erfahren." Ähnlich wie Xhelal Lokaj und Yilmaz Kantar erzählt auch er beschämt von seiner Gesundheitsuntersuchung: "Es war schon entwürdigend. Männer und Frauen in einem Raum nur mit Unterwäsche bekleidet. Den Bewerbern wird in Mund, Augen und Ohren geschaut, und ganz selbstverständlich zieht der untersuchende Arzt den türkischen Männern auch noch die Hose runter!" Haliloglu ist sich nicht sicher, ob er damals vor Scham nichts sagte oder er Angst hatte, die Arbeit in Deutschland nicht zu bekommen. Haliloglu war verheiratet. Doch seine Frau entschied sich, nicht mit ihm zu fahren. Sie blieb, und er fuhr alleine im Zug über den Balkan nach München und dann schließlich nach Konz.
Ob sie in ihrer Heimat etwas verpasst haben, dass können die Zeitzeugen nicht mit Sicherheit beantworten, doch sie sind sich einig: "Ohne das deutsche Arbeitssystem wären wir in der alten Heimat nicht so glücklich geworden." Heute ist die Heimat für sie nur noch ein Urlaubsort. Haliloglu sagt: "Wir waren Gastarbeiter, aber jetzt sind wir Konzer."

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