Wie ein Fisch auf dem Land

WALDRACH. Als die Schwester "Vom Heiligen Geist" (S.Sp.S.) Martha Fass im Januar 1961 mit dem Schiff "Masdam" Europa in Richtung Amerika verließ, war eine Rückkehr in die Heimat nicht vorgesehen. Inzwischen haben sich die Ordens-Vorschriften gelockert, und sie darf alle drei Jahre ihren Geburtsort besuchen.

"Wir waren in den Orden eingetreten und hatten uns als Missionsschwestern im Ausland für immer verpflichtet", erzählt die 74-Jährige im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund . So ging sie, als sie zu ihrer zehntägigen Seereise nach New York in See stach, von einem "Nimmerwiedersehen" aus. Gerne erzählt die Schwester von ihrer schönen, arbeitsreichen und erfüllten Zeit in Amerika. Auch nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit von der Heimat hat sie "Waldracher Platt" nicht verlernt, in das sich gelegentlich ein paar "englische Brocken" mischen.Nach ihrer Ankunft in New York hatte sie damals noch eine Zugfahrt von 17 Stunden bis nach Chicago vor sich. "Heute geht das mit dem Flugzeug natürlich alles viel schneller", erzählt sie. In etwas mehr als sieben Stunden hatte sie es dieses Mal von Chicago bis nach Amsterdam geschafft.Schwestern-Provinzhaus wurde zur neuen Heimat

Am Anfang ihrer Missionstätigkeit waren Heimreisen zunächst nicht vorgesehen. Später wurden die Vorschriften gelockert, und sie durfte etwa alle sechs Jahre für drei Monate nach Waldrach. Schwester Martha: "Das war entschieden zu lang. Ich kam mir unter den ganzen Zivilisten vor wie ein Fisch auf dem Lande." Wenn man die Gemeinschaft des Ordens gewohnt ist, sei man froh, wieder nach Hause zu kommen. Damit meint sie nicht ihren Heimatort Waldrach, sondern das Schwestern-Provinzhaus in Northfield im Bundesstaat Illinois.An einen Aufenthalt in Europa erinnert sie sich mit Schrecken. 1981 besuchte sie einen dreimonatigen Kursus in Rom und hatte anschließend nochmals die gleiche Zeit Heimaturlaub. "Ich war entschieden zu lang von Amerika weg, das hat mir nicht gefallen", sagt sie heute.Inzwischen darf sie alle drei Jahre für sechs Wochen an die Ruwer. "Jedes Mal freue ich mich, zu sehen, wie der schöne Ort stetig wächst." Nach ihrer Ankunft sei sie zunächst durch das Dorf gegangen und anschließend vom Friedhof über die Weinbergswege in Richtung Kasel. "Sehr oft habe ich mich umgedreht und das schöne Waldrach hinter mir betrachtet", schwärmt sie. Während ihrer Abwesenheit hält sie regelmäßig telefonischen Kontakt zu ihren Verwandten in Waldrach, denn "die schreiben nicht gerne".Eines ist ihr wichtig: Wöchentlich erhält sie in Amerika den Paulinus, den sie mit drei anderen Schwestern aus dem Trierer Raum liest.In fünf amerikanischen Staaten hat sie inzwischen für arme und kranke Menschen gearbeitet und ihnen geholfen. Als sie 1956 im holländischen Steyl in die Mission eintrat, erlernte sie zunächst die Krankenpflege. Schon dort setzte sie sich aufopferungsvoll für alte und kranke Menschen ein, lernte das religiöse Leben, die Haushaltsschule und das intensive Gemeinschaftsleben kennen.Als 1961 ihre Missionsbestimmung für Nordamerika kam, war sie zunächst enttäuscht. "Mein Ziel war immer die Missionsarbeit in Afrika gewesen. Dort wollte ich zu den Leprakranken, deshalb war ich zunächst von der Bestimmung, nach Amerika gehen zu müssen, enttäuscht", sagt die "Tante aus Amerika", wie sie liebevoll in der Verwandtschaft genannt wird.In neue Aufgabe hineingewachsen

In den mehr als vier Jahrzehnten ihrer Tätigkeit in Amerika ist sie allerdings in ihre Aufgabe hineingewachsen. So arbeitete sie in Altenheimen und Krankenhäusern. Weder die Arbeiten in den chirurgischen Stationen noch die Aufgaben der Stationsschwester sollten ihr fremd bleiben. Und immer wieder galt es dazuzulernen und als Schwester ihren Mann zu stehen.Vom Beruf der Krankenschwester hat sie sich inzwischen zurückgezogen, auch weil inzwischen "jede verabreichte Tablette im Computer erfasst werden muss". Und das will sie sich nicht noch antun. Seit 1996 ist "Sister Martha" wieder im Provinzhaus. Doch ganz ohne Fürsorge für Kranke kann sie nicht sein. Dreimal in der Woche betreut sie Patienten, die vor einer Operation stehen. Ansonsten ist sie die Chauffeuse der Ordens-Gemeinschaft. "Ich bin immer schon gerne Auto gefahren", gesteht sie, "das fing schon in der Jugendzeit bei der Waldracher Kirmes mit den Knuppautos an."