Wie ein Lied Generationen spaltet

Saarburg/Kastel · Ein Trauerlied wird zur Affäre: Saarburger Gymnasiasten haben "Tears in Heaven" des britischen Sängers Eric Clapton beim Volkstrauertag vorgetragen - ein alter Besucher und Kriegsüberlebender ist empört. Seiner Ansicht nach "entweihe" ein Pop-Lied eine solche Veranstaltung.

Der Musik-Leistungskurs des Saarburger Gymnasiums mit Lehrern, die auch bei der Gestaltung des Volkstrauertages mitgewirkt haben. TV-Foto: Julia Kalck

Der Musik-Leistungskurs des Saarburger Gymnasiums mit Lehrern, die auch bei der Gestaltung des Volkstrauertages mitgewirkt haben. TV-Foto: Julia Kalck

"Schock", "Blamage", "Entsetzen." Das sind Worte, die Constantinus Lehmann aus Palzem-Esingen wählt, wenn er von der Veranstaltung des Landkreises am Volkstrauertag in Kastel erzählt. Er hat sich in einem Brief an die TV-Redaktion gewandt und kritisiert darin die Liedauswahl von Saarburger Gymnasiasten, die bei der Feier mitwirkten. Das Lied, um das es geht, ist "Tears in Heaven" (deutsch: Tränen im Himmel) des britischen Blues-Gitarristen Eric Clapton. Er hatte das Trauerlied nach dem Unfalltod seines Sohnes 1991 aufgenommen (siehe Extra). Genau daran stößt sich Lehmann, Jahrgang 1932.

"Die Jugend hat nichts begriffen", schreibt er und bestätigt dies auch im TV-Gespräch. Das Lied "entweihe" und "entwürdige" eine solche Veranstaltung und sei für Schüler und Lehrer eine Blamage. Er, als Zeitzeuge, sei entsetzt, dass ein Lied, das die "absolut private Trauer um den Verlust eines Kindes bei einem selbst verschuldeten Unfall" beschreibe, bei einem solchen Anlass gespielt werde. Auch Kollegen vom Männergesangverein, mit denen er dort auftrat, hätten ihm zugestimmt. Er fragt: "Was hat ein solcher tragischer Unfall mit den Soldaten zu tun, um die wir trauern?"

Schüler sind geschockt über Reaktion auf ihren Vortrag



Eine ganze Menge, erklären die Schüler des Musik-Leistungskurses der Jahrgangsstufe 11 des Saarburger Gymnasiums. Sie sind sichtlich geschockt, welche Reaktion ihr Vortrag hervorgerufen hat. "Ich denke, wir haben sehr viel begriffen", sagt Mara Wolter. "Wir haben nur eine andere Sichtweise, als wenn wir den Krieg selbst erlebt hätten." Das sieht auch Jonas Strupp so: "Wir betrachten das aus zwei verschiedenen Blickwinkeln." Parallelen zwischen Lied und dem Volkstrauertag sehen die Schüler zum einen darin, dass viele der Soldaten in ihrem Alter waren. Zum anderen, sagt Mara Wolter, "haben viele Eltern auch ihre Kinder im Krieg verloren, somit passt das Lied." "Die Menschen haben ein kollektives Gedächtnis, aber da müssen auch perspektivische Zugänge möglich sein - verbunden mit Respekt und Rücksichtnahme aufeinander", sagt Religionslehrer Tobias Pfortner. "Und schließlich ging es ja auch nicht allein um die Gefallenen, sondern auch um die Soldaten, die gerade im Krieg sind, zum Beispiel in Afghanistan", sagt Mara Wolter. Landrat Günther Schartz habe selbst den Bogen zu Europa geschlagen, die evangelische Pastorin über Afghanistan gesprochen, bestätigt Deutschlehrerin Nicole Molitor.

Der Veranstalter der Trauerfeier äußert sich ebenfalls: "Es liegt uns und dem Landrat sehr am Herzen, dass am Volkstrauertag auch junge Leute teilnehmen. Es ist mehr als legitim, ihnen die Freiheit zu lassen, mit ihren Ausdrucksmitteln an das Thema ranzugehen. Das mag für Ältere ungewohnt sein, aber das mag umgekehrt auch der Fall sein. Es war bemerkenswert, welche Gedanken sich die Schüler gemacht haben", erklärt Kreissprecher Thomas Müller.

Lehmann sieht indes die Jüngeren in der Pflicht: "Die Jugend soll das Gespräch mit den Zeitzeugen suchen." Vielleicht sei es ja auch zu viel verlangt, dass man sich heute den Naziterror vorstellen solle. "Wenn er als Zeitzeuge zu uns kommen möchte, wäre das kein Problem", sagt Nicole Molitor. "Wir sind immer froh über solche Gelegenheiten." Mara Wolter ergänzt: "Aber nur, wenn man uns auch zuhört."

Was sagen Sie zu der Debatte? Ist ein solches modernes Trauerlied das Richtige für einen Volkstrauertag? Oder finden Sie die Liedauswahl der Schüler unangemessen? Schreiben Sie uns an meinung@volksfreund.de

Meinung

Einfach traurig

Überzogen könnte man die Reaktionen auf die Liedauswahl der Schüler nennen und irgendwie auch unverständlich. Man könnte dies verurteilen, und es darauf beruhen lassen. Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Denn die Reaktion des Zuhörers auf das moderne Trauerlied zeigt eines deutlich: Es besteht massiver Gesprächsbedarf zwischen den Generationen. Und zwar einer, der auf (gegenseitigem) Respekt beruht. Dass der Kreis Jugendliche mit ins Boot holt, um den Volkstrauertag zu begehen, ist ein deutliches Zeichen, dass es eben nicht darum geht, WIE die Trauer ausgedrückt wird, sondern DASS sie auch generationsübergreifend in Worte gepackt wird. Das haben die Schüler getan - auch wenn sie dafür andere Worte gewählt haben, als diejenigen es sich gewünscht hätten, die zwei, drei Generationen zuvor 16 Jahre alt waren. Ihnen das zum Vorwurf zu machen, ist einfach traurig und geht am Sinn eines solchen Tages vorbei. j.kalck@volksfreund.de

Extra"Tears in Heaven" hat Eric Clapton geschrieben, nachdem sein vierjähriger Sohn Conor im März 1991 aus einem Fenster im 53. Stock eines New Yorker Hochhauses stürzte und starb. Der Text ins Deutsche übersetzt: "Wirst du meinen Namen wissen, wenn ich dich im Himmel wiedersehe, wird es wie früher sein, wenn ich dich im Himmel wiedersehe? Ich muss stark sein und weitermachen. Denn ich weiß, ich gehöre (noch) nicht in den Himmel. Wirst du meine Hand halten, wenn ich dich im Himmel wiedersehe, wirst du mir helfen aufzustehen, wenn ich dich im Himmel wiedersehe? Ich finde meinen Weg durch Tag und Nacht, denn ich weiß, ich kann (noch) nicht im Himmel bleiben. Die Zeit kann dich herunterziehen, die Zeit kann dir die Knie weichmachen, die Zeit kann dir das Herz brechen, hast du um einen Gefallen gebettelt. Jenseits der Türe, da ist Frieden, und ich weiß ganz sicher, dass es im Himmel keine Tränen gibt. Wirst du meinen Namen wissen, wenn ich dich im Himmel wiedersehe, wird es wie früher sein, wenn ich dich im Himmel wiedersehe? Ich muss stark sein und weitermachen. Denn ich weiß, ich gehöre (noch) nicht in den Himmel." Das Lied im Video unter www.volksfreund.de/extra

HintergrundDer Volkstrauertag wurde durch den 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Gedenken an die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt. 1934 bestimmten die nationalsozialistischen Machthaber durch ein Gesetz den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und benannten ihn "Heldengedenktag". Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde der Volkstrauertag erneut vom Volksbund eingeführt. Er versteht diesen Gedenktag auch mit zunehmendem Abstand vom Krieg als einen Tag der Trauer. Der Volkstrauertag ist inzwischen auch zu einem Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden geworden. (jka)

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