1. Region
  2. Konz, Saarburg & Hochwald

Wiltinger erinnern an Bücherverbrennung

Wiltinger erinnern an Bücherverbrennung

Mit einer musikalischen Lesung wollen Wiltinger am Freitag, 17. Mai, an die Bücherverbrennungen von 1933 erinnern - und ihr "offenes Bücherregal" bekanntmachen. Derzeit gibt es darin 500 Bücher zum Ausleihen.

Witlingen. Wiltingen hat eine neue Dorfbibliothek. Im Forum des Bürgerhauses stehen zurzeit etwa 500 Bücher zur kostenlosen Ausleihe bereit. Wer ein Buch mitnimmt, ist angehalten, entweder innerhalb von vier bis sechs Wochen dasselbe Buch oder ein anderes Werk des gleichen Genres zurückzustellen. "Es sollte einfach, für jeden zugänglich und kostenlos sein", erläutert Mitorganisatorin Edith Deges-Reinert das Konzept. Ein Bibliotheksausweis werde nicht verlangt.
Jetzt wollen die Wiltinger das Projekt bekannter machen. Für Freitag, 17. Mai, 19 Uhr, haben Ortsbürgermeister Lothar Rommelfanger und seine Mitstreiter Edith Deges-Reinert, Andreas Schwindling, Stephan Meyer und Andreas Jakoby mit dem Arbeitskreis Lesen deshalb eine Lesung anlässlich des 80. Jahrestags der Bücherverbrennung organisiert. Wegen des Brückentags am 10. Mai, dem eigentlichen Jahrestag, haben sie den Termin eine Woche verschoben. Die Idee der Lesung habe auch mit der Wiltinger Vergangenheit zu tun, sagt der Ortschef. Die Nazi-Hochburg Wiltingen sei während der NS-Zeit auch als "Hitleringen" bezeichnet worden. Ein Beleg für die Regimetreue des Orts ist auch in dem Buch "Geschichte der Juden in Oberemmel" von Willi Körtels zu finden. Dort ist die Rede von einer "SA Horde, die hauptsächlich aus Wiltingern zusammengesetzt war".
Mit dieser Vergangenheit gehen die Wiltinger heute offen um. 2007 wurden Stolpersteine vor dem ehemaligen Haus der jüdischen Familie Meyer verlegt, die fünf Generationen in dem Saar-Ort gelebt haben, bevor sie nach Trier zog, weil ihr Geschäft in Wiltingen boykottiert wurde. Maria, Berta und Julius Meyer wurden deportiert. Ihre Kinder Gerda und Edmund konnten.
Neben der Ortsgeschichte spielt für die Wiltinger, die sich nach eigener Aussage "dem geschriebenen Wort verpflichtet sehen", der 10. Mai 1933 eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Damals hatte die Deutsche Studentenschaft zur "Aktion wider den undeutschen Geist" aufgerufen. Ausgehend von Berlin verbrannten Nazi-Schergen demonstrativ Zehntausende Bücher von jüdischen, pazifistischen oder marxistischen Autoren.
Heute gibt es im Berliner Zen-trum ein Denkmal, das an die Schandtaten erinnert: Im Bebelplatz ist ein 125 Kubikmeter großer Raum eingelassen, in dem leere, weiße Regale mit Platz für 20 000 Bücher stehen. Rommelfanger war bei einem Besuch in Berlin von dem Denkmal sehr beeindruckt. Für ihn ein weiterer Grund, die Lesung am 17. Mai zu veranstalten und sich mit dem Thema NS-Zeit auseinanderzusetzen. Weitere Lesungen und Vorträge seien geplant, sagt Rommelfanger. Man wolle sich dabei nicht auf die NS-Zeit festlegen. Möglich seien zum Beispiel auch Lesungen für Kinder - halt alles rund um das geschriebene Wort. cmkExtra

Der Wiltinger Arbeitskreis Lesen hat sich aus der Dorfmoderation Lebendige Dörfer entwickelt, die 2010 initiiert wurde. Damit es immer gut bestückt ist, sind die Wiltinger auf Buchspenden angewiesen. Die Veranstaltung anlässlich des 80. Jahrestags der Bücherverbrennung ist am Freitag, 17. Mai, im Bürgerhaus. Ab 19 Uhr thematisiert Thomas Schnitzler die Bücherverbrennung von 1933 in seinem Vortrag. Bruno Plum liest danach von den Nazis verbotene Lyrik. Birgit und Clemens Häußer steuern verbotene Musik bei - etwa von George Gershwin oder Scott Joplin. cmk