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Winzerin Carmen von Nell-Breuning führt das Dominikanerweingut in Kasel

Winzerin Carmen von Nell : Zwischen Bio und Beethoven

Die 45-jährige Dr. Carmen von Nell führt in Kasel an der Ruwer das Dominikaner Weingut C. von Nell-Breuning auf biodynamischer Basis. In unserer Serie „Die Weinmacherin“ stellen wir sie und andere Winzerinnen vor.

Es ist ein nieseliger, kalter Frühwintertag, kurz nach der Weinlese im Herbst. Carmen von Nell blickt vom herrschaftlichen Probierzimmer ihres Weingutes in Kasel über die Ruwer hinweg versonnen auf das Herzstück ihres Schaffens, die Monopollage Dominikanerberg. Ein kühler Weinberg mit kargen Schieferböden, der spannungsgeladene Weine von komplexer Mineralität hervorbringt. Komplex, so könnte man auch die Persönlichkeit seiner Besitzerin beschreiben, ihr Spannungsfeld liegt zwischen der promovierten, kühlen Betriebswirtschaftlerin, die noch an einem Tag pro Woche in einer Wirtschaftskanzlei in Luxemburg arbeitet und der leidenschaftlichen Öko-Winzerin.

Wobei das Prädikat „Öko“ hier keinesfalls despektierlich gemeint sein soll, Carmen von Nell ist den Erkenntnissen der Wissenschaft durchaus zugeneigt, ist auch gegen Corona geimpft.  Sie hat sich aber mit Leib und Seele dem anthroposophischen Verständnis verschrieben, dass nachhaltiger Weinbau nur im Zusammenspiel von Natur und Mensch zu erreichen ist. Sie sagt: „Wir alle müssen etwas tun und unser Verhalten ändern, wenn wir diesen Planeten erhalten wollen. Ich habe die schöne Aufgabe, ein Stück Land zu bearbeiten und daher ist die Umstellung auf biodynamisch ein sehr wichtiger Beitrag, den ich leisten kann und will.“

Seit 1670 bewirtschaftet die Familie das Weingut, Carmen vertritt die elfte Generation. Im Jahr 2013 hat sie den Betrieb von ihrem mittlerweile 77-jährigen Vater Christoph übernommen, 2018 dann endgültig auf Biodynamie umgestellt: „Das machen im Burgund alle schon immer“, sagt sie und das hört sich nach einem überzeugenden Argument an. Und es bedeutet vor allem mehr Arbeit für die Winzerin, die die sieben Hektar Rebfläche nur mit einigen Saison-Helfern zusammen bewirtschaftet. Und niedrigere Erträge, seit keine Chemie zur Schädlingsbekämpfung mehr zum Einsatz kommt. Deutlich spürbar im aktuellen Jahrgang 2021 mit feuchten warmen Sommernächten; wie viele andere Kollegen hatte sie es wetterbedingt mit Fäulnisdruck durch den falschen Mehltau (vulgo: Peronospora) zu tun.

 Das Dominikaner Weingut C. von Nell-Breuning in Kasel.
Das Dominikaner Weingut C. von Nell-Breuning in Kasel. Foto: Dominikaner Weingut C. von Nell-Breuning

Der 2021er glänzt dafür aber mit hohen Extrakten, wichtig vor allem für gute trockenen Weine mit Reifepotential.

Anstatt Chemie bringt von Nell Präparate wie selbst zubereitete Tees aus: Natürliche, anstatt synthetische Produkte heißt die Devise. Ein Übriges tut eine kleine Schafherde, die in den Wingerten das Unkraut klein hält und mit ihrem Dung noch den Boden anreichert. Keine Monokultur mit „Nutzpflanzen“, sondern Heimat auch für Bienen und Vögel. Die Biodynamie gebe ihr aber auch mehr Freiheit und Ruhe bei der Arbeit, da darf es dann auch schon mal ein Zitat aus Goethes Faust sein: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Grundsätzlich hätten Frauen eine andere Herangehensweise ans Wein machen, da sei mehr Offenheit und mehr Intuition im Spiel, sagt Carmen von Nell. Deshalb brauche es vielleicht auch ein bisschen länger - und sie betont, dass sie das den Männern gegenüber nicht böse meint-  bis man Anerkennung finde.

Die zierliche Frau macht nicht den Eindruck, als falle ihr die harte, körperliche Arbeit in den Steillagen mit bis zu 75 Prozent Neigung leicht. Im Gespräch aber offenbart sie eine Energie, die sie sicherlich auch in Kraft umzuwandeln vermag.

Als Ausgleich betreibt sie Yoga und Jogging und sie hört gern klassische Musik. Ja, auch mal Beethoven, wenn die Stimmung passt, Ludwig van war nämlich gut mit ihrer Urururgroßmutter Helene von Breuning (1750-1838) befreundet. Die hatte ihn einst in die feine Bonner Gesellschaft eingeführt und galt ihm als seine „zweite Mutter.“

Deren dreizehnjähriger Tochter Eleonore wurde sogar ein – allerdings keusches – Techtelmechtel mit ihrem zwei Jahre älteren und später berühmten Klavierlehrer nachgesagt. Der fast ebenso einflussreiche wie bekannte Begründer der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning aus Trier (1890-1991), war ihr Urgroßonkel. Eine stattliche Ahnenreihe mit Tradition, die für die Winzerin Verpflichtung ist.

Das Fachwissen hat sich Carmen von Nell-Breuning im Steillagen-Zentrum zu Bernkastel-­Kues angeeignet, die Grundlagen als Winzerstochter schon in jungen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet. Sie schwört, wie viele Kenner, auf den Ruwer-Stil ihrer Weine, die urwüchsig und in der Jugend auch ein bisschen ruppig sein dürfen. Auch freut sie sich, dass bei den Verbrauchern zwischen KaDeWe und Sternerestaurants (wo sie breit vertreten ist), eine Rückbesinnung auf gereifte Rieslinge festzustellen ist. Gerade ihren Weinen tun ein paar Jahre auf der Flasche gut.

Sehr wichtig ist für sie der Sekt – von Nell-Breuning ist die älteste Sekt-Manufaktur im Ruwertal. Vier Jahre darf er auf der Hefe reifen und wird in hölzernen Steillagen handgerüttelt. Méthode Champenoise sagt der Fachmann. Dabei sind die Preise kompetitiv, um 15 Euro liegt der Sekt, ab 9,50 Euro gibt es schon eine gute Flasche Wein. Es sei ihre Aufgabe, die einzigartige Kulturlandschaft zu erhalten und bewusst zu pflegen, sagt Carmen von Nell-Breuning noch und schnuppert an einem Glas Kaseler Nieschen. Dann bellt der Hund, Kaja heißt der, griechisch für Erde und dann darf er mit Frauchen auch endlich raus, in den nasskalten Abend.