Wir waren arm, aber doch reich

TRIER. (red) Nach der erfolgreichen Serie, in der Zeitzeugen aus der Region Trier von den letzten Kriegsmonaten berichteten, hat der Trierische Volksfreund eine Neuauflage gestartet. Im Mittelpunkt stehen die Wirtschaftswunder-Jahre. Heute ein Bericht von Christa Stock.

Der Wirtschaftsaufschwung in den beginnenden 50er-Jahren zeigte den Sieg über das vergangene Böse. Die Erwachsenen waren nicht mehr so ängstlich und freuten sich über jeden Fortschritt. Ich wurde im März 1944 als jüngstes Kind geboren und hatte noch drei ältere Geschwister. Wir wohnten in einem Drei-Familienhaus in der Petrusstraße in Trier. Hinter dem Haus gab es einen großen Garten, in dem wir spielen, klettern, ernten und beobachten konnten. Ich denke gerne an die arme, aber wunderschöne Kindheit zurück. Arm, weil kein Geld da war, um Spielzeug zu kaufen. Und doch hat diese Zeit mich "reich" gemacht. Ich wurde reich an Ideen, Fantasien, Techniken und guten Freunden. An Fernsehen haben wir noch nicht gedacht, aber es gab im Radio die Sendung "Die kleinen Wellenreiter". Wir haben mit Spannung zugehört und uns nachher darüber unterhalten. Für mich war - neben unserem Garten - die Straße der schönste Spielplatz. Es fuhren kaum Autos, und sie war schon zu dieser Zeit glatt geteert. In jedem Haus gab es Kinder, und wir trafen uns mittags nach den Hausaufgaben. Die größeren Kinder schlugen Gemeinschaftsspiele vor, und wir Kleineren durften mitspielen. So lernten wir auch schnell alle Regeln. Ich erinnere mich da an: Völkerball, Treibball, "Der Kaiser schickt seine Soldaten aus", "Abends, wenn der Mond scheint" oder "Eins, zwei, drei, vier Ochs am Berg". Manchmal haben wir Mädchen auch für uns gespielt. An Häuserwänden lernten wir Jüngeren zuerst die "Probe" mit zwei Gummibällen, dann sogar mit drei. Fangen und gleichzeitig sich drehen oder in die Hände klatschen, verlangte Geschicklichkeit. Saisonbedingt war Klickerspielen angesagt. Es gab nur die einfachen Ton- oder Lehmkügelchen, die bunt gefärbt waren. Jeder hatte sein Säckchen dabei. Diese Säckchen waren meist eine alte Socke, ein alter Handschuh oder einfach nur ein zusammengefaltetes Stofftaschentuch. Überall suchten wir nach Löchern im Teer, die wir als "Käulchen" benutzten. Manche Jungen kamen stolz und zeigten ihre besonders wertvollen "Eisenklicker". Sie hatten vom Schrott Kugellager auseinander genommen; 20 "Lehmschisser" wurden gegen einen Eisenklicker getauscht. Langeweile gab es nie. Natürlich machte das Spielen im Freien auch hungrig. Schon wenn wir klingelten oder riefen, gab's Brote. Butter kannten wir nicht und Margarine war nur für Frühstück und Abendessen. So zwischendurch wurden trockene Brotscheiben kurz unter Wasser gehalten und dann mit Zucker bestreut. Meist wurden zwei solche Scheiben übereinander geklappt und ergaben so eine leckere "Klappschmier". Wir saßen dann wie aufgereiht auf der Bordsteinkante und futterten. Manchmal wurde auch gegen Marmelade oder Rübenkraut getauscht. Danach ging's mit dem Spielen weiter, bis einer nach dem anderen nach daheim verschwand. Ja, jeder wusste, wann er daheim zu sein hatte. Seltsam: Im Nachhinein kommen in mir Fragen auf. Wir Kinder vor 50 Jahren waren genau solche Kinder wie heute auch. Und doch hat sich viel geändert. Während heute Computer-Spiele und DVD im Vordergrund stehen, waren wir ständig draußen. Eine Mutter war - notfalls - immer erreichbar. Eine Mittagsbetreuung, eine Ganztagsschule, Psychologen oder Physiotherapeuten brauchten wir nicht. Was hat sich in 50 Jahren so geändert, dass man heute um Kinder, ihre Betreuung und ihre Gesundheit so ringen muss? Christa Stock (62) aus Trier ist Lehrerin im vorzeitigen Ruhestand. Sie war 20 Jahre in St. Ambrosius (Trier-Nord) an der Grundschule und später an der Ganztagsschule tätig.