WM-Übertragung 1954

TRIER. (red) Nach der erfolgreichen Serie, in der Zeitzeugen aus der Region Trier von den letzten Kriegsmonaten berichteten, hat der Trierische Volksfreund eine Neuauflage gestartet. Im Mittelpunkt stehen die Wirtschaftswunder-Jahre. Heute ein Bericht von Heinz Josef Nisius aus Trier.

Das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1954 durfte ich am Fernsehgerät erleben. Gesehen habe ich das Spiel aber nur ab der 83. Minute. Bis dahin habe ich es nur gehört. Und das kam so: Eine halbe Stunde vor Beginn der Fernsehübertragung saß der Radio- und Fernsehtechniker-Lehrling Heinz Josef Nisius mit der Belegschaft der Willi Reichert-Werkstätten für Radio- und Fernmeldetechnik in der Garage des Firmensitzes Güterstraße 1. Auf der Laderampe stand ein großes Fernseh-Standgerät mit 48 Zentimeter (!) Bildschirmdiagonale. Derartiger Gemeinschaftsempfang war typisch für die Kinderzeit des Fernsehens: Privates Fernsehen gab es wenig. Restaurants und Cafés möbelten deshalb ihren Umsatz auf, indem sie ein Fernsehgerät aufstellten. Das Geflimmer (und wie das damals flimmerte!) spülte neue Gäste ins Haus. Diese Urformen von Public Viewing hatten viele Gründe: Die ersten Fernsehgeräte waren relativ teuer und störanfällig, und die Reparaturen gingen ganz schön ins Geld. Zudem: die Geräte benötigten hohe Antennenenergie, um ein zufriedenstellendes Bild zu erzeugen. Andererseits war die Antennenenergie wegen fehlender Bereichssender sehr gering. Deshalb waren Antennenanlagen in Trier recht aufwendig. Eines der ersten Fernseh-Etablissements in Trier war das Café Amling in der Fleischstraße. Ihm hatte mein Lehrherr ein Fernsehgerät verkauft und auf dem Flachdach die Antennenanlage errichtet: Die eigentliche Antenne thronte auf einem Mast von sechs Metern Höhe. Aus Sicherheitsgründen wurde er dreimal mit Stahlseilen abgespannt. Die Antenne mussten wir zwischen den Domtürmen hindurch (!) auf den Feldberg/Taunus ausrichten. Dort stand "unser" Fernsehsender. Das funktionierte so: Im Lokal beobachte der Fahrer des Firmenwagens das Fernsehbild; im Hof stand unser jüngster Lehrling, und auf dem Dach drehten Radio-Meister Lutz und ich mittels riesiger Rohrzangen den Mast. Dabei übermittelte uns der Stift (Azubi) laut schreiend, was ihm der Bildbetrachter durchs offene Fenster zurief: "Bild läuft durch! Nur Schnee! Unscharf! Noch schlechter! Sch…nee! Besser so! Gut so! Halt! Zurück! Besser so!" Und so weiter, bis wir nach einer guten halben Stunde Herrn Amling ein nur noch selten schwankendes Testbild vorstellen konnten. Während wir also in der Firmengarage noch dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft entgegenfieberten, erreichte uns ein Notruf: "Im Restaurant Moselgarage ist der Flimmerkasten ausgefallen." Und das Los fiel auf mich. Ein vielstimmiges "Na eeendlich!" umbrandete mich, als ich die abgedunkelte Gaststätte betrat. Mit klopfendem Herzen arbeitete ich mich durch die "Fußballweltmeisterschaftsendspielfernsehübertragungshungrigen" bis zu jenem Tisch vor, auf dem das corpus delicti fernsehtechnischer Kinderschuhbeschwerden auf einem Stuhl prangte: ein Tischgerät, mit 36 Zentimeter Bildschirmdiagonale. Public Viewing 1954. Das Spiel hatte bereits begonnen. Der Bildschirm flimmerte, aber ohne Bild. Zum Glück war wenigstens der Fernsehton zu hören; so wurde ich in meiner Konzentration bei der Fehlersuche nicht dauernd durch aufbauende Kommentare psychisch abgebaut. Der Fehler war kompliziert, die Reparatur langwierig. Während der Halbzeit kam Unterstützung aus der Firma. Fahrer Herbert Schäfer: "Allez hopp, Heinz! Maach vorran! In der Güterstraoß wartense off Deich!" Nicht die Firmenangehörigen meines Lehrbetriebs, sondern Kneipenglotzer, die sich in einem Lokal, rund 100 Meter von unserem Betrieb entfernt, über den dunkel gebliebenen Bildschirm aufregten. Kurz nach Beginn der 2. Halbzeit umtoste mich dann das - nunmehr beifällige - Gejohle der Fußballfans; sie waren Fernseh-Zuschauhörer geworden. Ebenso eilig wie stolz verließ ich meine Wirkungsstätte. Güterstraße. Empfangszeremoniell wie vorher, allerdings deutlich lauter und ungehaltener. Der Bildschirm war dunkel, aber der Ton lief. In der 83. Spielminute dann: das Bild aus Bern! Sekunden später mündete mein stiller Erfolgsjauchzer lauthals ein in den Jubel der Zuschauhörer. Und mit dem nicht fernsehtüchtigen Radiorest der Bundesrepublik fielen wir uns um den Hals, als wir Herbert Zimmermann in seiner historisch gewordenen Radioreportage mit seinem vierfachen "Tooooor!"-Schrei hörten. Dann wich der Druck von den Fußballfreunden: "Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!" Auch ich war erlöst und stolz. Hatte ich doch binnen zweier historischer Stunden zweimal in einer psychisch aufgeladenen Öffentlichkeit eine Fernsehgerätereparatur zustande gebracht.

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