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Zeitzeuge erinnert an jüdisches Leben

Zeitzeuge erinnert an jüdisches Leben

Rund 40 Interessierte haben im Hochwaldmuseum Hermeskeil den Vortrag von Georg Marx, eines Zeitzeugen des Nazi-Regimes, verfolgt. Am 74. Jahrestag der Pogromnacht von 1938 erinnerte er an die früheren jüdischen Mitbürger.

Hermeskeil. Nach den Greueltaten des Nationalsozialismus ist die Geschichte vieler jüdischer Gemeinden beinahe in Vergessenheit geraten, doch egal ob in Städten oder auf dem Land, fast überall sind Spuren jüdischen Lebens auch heute noch zu finden. Alte Fotografien von Häusern und Zeitungsanzeigen zeichnen auch in Hermeskeil ein Bild von einer Stadt, in der jüdische Familien im sozialen Leben fest verankert waren.
Opfern ein Gesicht geben


So bot beispielsweise der Kaufmann Isaak Ackermann in seinem Geschäft "Jaquettes" für Damen, Kragen für Kinderkleidung und Herren-Überzieher an. Auch "Buxkins und Kuseler Tirteys", Arbeitskleidungsstoffe, gab es bei ihm. Isaak sei immer gut, sprich "sonntags", gekleidet gewesen, erzählt Referent Georg Marx (89) in einem Vortrag zum 74. Jahrestag der Pogromnacht im Hermeskeiler Museum. Anders als sein Bruder Samson, ein Bauer. Daher seien sie der "sonndachs" und der "werkdachs" genannt worden.
Anmerkungen wie diese lassen den Anlass des Vortrags fast vergessen. Marx versteht es, den Opfern des Naziregimes Gesichter und ihre Würde zurückzugeben. In Vernichtungslagern wie Theresienstadt oder Auschwitz seien vor allem die Älteren umgekommen, deren Kinder teils Jahre zuvor ausgewandert waren. So wie Yehudi Ackermann, den Marx wieder sah, als die Synagogen-Gedenktafel angebracht wurde (siehe Extra). Der aus Neuhütten stammende Hauptschullehrer und Regierungsschuldirektor lebt zwar erst seit 1948 in Hermeskeil. Doch er hatte einige der Jüngeren von seiner Schulzeit am Gymnasium gekannt. Ihre Familien lebten nahe der Synagoge, in Trierer-, Donatus- oder Gartenfeldstraße und am Bahnhof, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts pulsierte. Jüdische Eigentümer hatten das Modehaus Astor, die Schuhhäuser Dietz und Fuchs und Haus Hellgrewe mit dem noch heute stehenden Kastanienbaum.
Friedliches Zusammenleben



Auch neben der Donatusapotheke und hinter dem Malergeschäft Ballus wohnten jüdische Familien. Marx nannte zu allen Häusern die Namen der früheren Bewohner und deren Berufe wie Metzger, Vieh- oder Lebensmittelhändler. Sie hätten friedlich mit den anderen zusammengelebt und gute nachbarschaftliche Beziehungen gepflegt: "Das sind Erinnerungen, die sie jeden Tag ansprechen könnten - aber viele wissen ja gar nicht, was damals in Hermeskeil passiert ist."
Die jüngeren rund 40 Besucher wissen meist nur vom Hörensagen von Namen, Häusern und vom 9. November 1938. "Ich hab das von meiner Mutter gehört, wie das war an dem Abend", erzählt Ilse Götz, Jahrgang 1935. Jeanna Bakal, stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde Trier, bedankte sich bei Marx. Seinen Vortrag verband er mit der Bitte, die Menschen nicht zu vergessen. Es gehe nicht darum, das Wissen ständig "vor sich her zu tragen". Doch man sollte zumindest "ab und zu mal ihrer gedenken".
Museumsleiterin Agnes Weiß freute sich über die große Besucherzahl. "Da sieht man, dass das Interesse an dem wichtigen Thema in der Bevölkerung da ist." Die Resonanz sei aber auch der Person des Referenten zu danken.
Extra

Schon 1840 gab es in Hermeskeil jüdische Bürger. Bis 1880 bestatten sie in Thalfang, danach auf ihrem Friedhof neben dem evangelischen (Züscher Straße/Ringgraben). Auf diese Zeit datiert auch die Einrichtung der bei einem Bombenangriff 1945 zerstörten Synagoge. An sie erinnert eine Gedenktafel am Awo-Haus in der Martinusstraße. Wegen der engen Bebauung wurden SA-Männer in der Pogromnacht, 9. November 1938, gehindert, sie niederzubrennen, nicht aber sie wie Geschäfte und Wohnungen zu verwüsten. Der Friedhof, auf dem während des Krieges Häftlinge des KZ Hinzert bestattet wurden, war bereits 1929 geschändet, die Grabsteine zerstört worden. Denn im "Gau-Musterdorf" grassierte der Antisemitismus früh. Gustav Simon, schon 1925 Mitglied der NSDAP und Gauleiter Koblenz-Trier (1931 bis 1945), gründete 1927 im Heimatort eine Ortsgruppe. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in Hermeskeil etwa 45 jüdische Bürger, 1938 noch elf. Nachweislich in Konzentrationslagern ermordet wurden 14 Hermeskeiler Juden. urs