Zu fünft im Goggo unterwegs

TRIER. (red) Nach der erfolgreichen Serie, in der Zeitzeugen aus der Region Trier von den letzten Kriegsmonaten berichteten, hat der Trierische Volksfreund eine Neuauflage gestartet. Im Mittelpunkt stehen die Wirtschaftswunder-Jahre. Heute ein Bericht von Herbert Gores.

Mein Geburtsjahr 1945 war nicht nur für mich die Stunde null, sondern auch für die Erwachsenen in meinem Umfeld am Lintzplatz in Trier-Süd. Es herrschte Wohnraummangel, einige Häuser lagen noch in Trümmern, der Schutt wurde in Loren abtransportiert und die Menschen dachten selbstverständlich nicht im Entferntesten an die Möglichkeit eines aufziehenden Wirtschaftswunders. In der Schule gab es noch die so genannte Schulspeisung - aber auch die "Tracht" Prügel, die Limoflasche und Bonbons wurden einzeln eingekauft (bei größeren Einkäufen meistens auf Kredit durch Anschreiben), die Menschen bestellten auf jedem Grünflecken hinterm Haus ihren kleinen Garten, fuhren überwiegend mit dem Fahrrad, rauchten ihre Reval und tranken ihren Viez beim "Spies" oder "Thing" in der Matthiasstraße, gingen sonntags noch in die Kirche und an Fronleichnam mit der Prozession hinter dem "Himmel" her. Wir Kinder hatten zu jeder Tages- und Jahreszeit unsere Spiele (wie Büchsen-Verstecken, Rollschuhlaufen, Murmel/Klickerspiel), es gab noch Seifenkisten, am Rosenmontag wurden noch Landewyck-Zigaretten geworfen und auf dem Lintzplatz Fußball gespielt. Zur Eintracht ging es voll Enthusiasmus ins Stadion (zumindest meine Freunde liefen dorthin) und die Erwachsenen begannen mit der Motorisierung: Fasziniert sah ich immer einen Ford mit der Weltkugel vorbeifahren, ein Tempo-Dreirad-Laster kippte in der Kurve um, und auf dem Lintzplatz stand noch ein Wehrmachts- und Büssing-LKW - die Quicklys, Kreidlers und Vespas hatten Hochkonjunktur, ganz zu schweigen von dem mit fünf (!) Personen voll gestopften Goggo in der Nachbarschaft. Man schrieb die Briefe (Notopfer Berlin und Heuss-Portrait) noch mit der Hand, man sprach von der Zone, beim Altmetall-Händler wurde Schrott zu Kleingeld umgesetzt, die Städtische Realschule (für mich Klassenlehrer Lanfer, Lehrer Nink und Mathe- und Biolehrerin Hontheim) besuchte ich ein Jahr nach der Gründung: Beginn in der Dietrichstraße, ein Jahr später logierte sie in Heiligkreuz, dann in der Friedrich-Wilhelmstraße und heute auf dem Wolfsberg; die Abschlussfahrt ging 1961 nach Berlin - wir sahen dem Mauerbau zu! Irgendwann (wohl 1953) wurde unser erster Loewe-Opta-Fernseher angeliefert, die Kinder strömten zusammen und staunten... Es gab nur Schwarz-weiß-Bilder. Auf dem Mattheiser Weiher liefen wir Schlittschuh (mit Schraubbefestigung), und im Sommer verbrannten wir uns 1957 (im Jahr der Eröffnung) die Haut im Freibad Trier-Süd. Im Hallenbad gab es noch ein Außenplanschbecken - und der Bademeister Schramm rief alle Stunde die Farbmarken auf - zum Verlassen des Bades. Die Moseluferstraße hieß noch nicht Pacelli-Ufer und war einspurig, französische Panzerkolonnen fuhren hier vom Bahnhof nach Feyen, und in Estrich gingen wir in die Mosel schwimmen. Im Lokal "Estricher Hof" gab es ein Kinderkarussell, im Mohr's Garten Viez und im Café Dötsch Tanz (für meine Schwester). Die Franzosen patroullierten noch durch die Simeonstraße (Police Militaire), am Fetten Donnerstag stand die Sim Kopf, im Café "Astoria" wurde getanzt und auf dem Petrisberg (auch im Bischof-Korumhaus) Fastnacht gefeiert. Die Trierer Plätze standen noch mit Autos voll - wie Hauptmarkt, Kornmarkt, Viehmarkt (hier logierte auch der Zirkus), Basilika und Domfreihof (die Platanen waren noch da). Man ging in die Flohkiste (Kino Römertor) oder ins Apollo, Capitol oder Metropol, fuhr mit dem O-Bus oder einem alten Deutz-Diesel-Bus nach Olewig, dem Kockelsberg oder Kürenz. Und heute blicke ich zurück in diese Kinderzeit und denke: Welch schöne Zeit! Herbert Gores ist 61 Jahre alt und Architekt aus Igel.