Zwischen Kirchenschiff und Zirkuskuppel

Konz · Wenn eine Organistin die religiösen Scheuklappen ablegt und eine ganz weltliche Orgel spielt, dann findet keineswegs eine Entweihung statt. Im Gegenteil: Zum Abschluss des Konzer Orgelzyklus 2013 löste Ekaterina Melnikova mit ihrem oft brillanten und gelegentlich respektlosen Musizieren echte Zustimmung aus.

Brillant: Die russische Organistin Ekaterina Melnikova an der Orgel in St. Nikolaus.TV-Foto: Martin Möller

Konz. Irgendwie tut es mal gut, die Orgel nicht in gewohnter Frömmigkeit zu erleben. Ekaterina Melnikova, zurzeit Solistin der Moskauer Staatsphilharmonie, kümmerte sich zum Abschluss der Konzer Orgeltage in St. Nikolaus wenig um die sakrale Aura des Instruments. Sie spielt eine durch und durch weltliche Orgel. Die verliert dabei nichts von ihrer Würde und gewinnt dazu eine bestechende Vielfalt und Farbigkeit. Da glänzt Georgy Sviridovs "Time Forward" (übrigens das Motto des Konzerts) mit einem farbenreichen Pomp, als wäre es Filmmusik.
Da entwickelt sich "The Dream" von Philip Glass zu einer Art modernem Regentropfen-Prélude. Da verbreitet das Rondo Capriccioso von Camille Saint-Saens eine eher orgel-unübliche Eleganz. Und wenn die russische Organistin in der Bearbeitung einer Paganini-Violincaprice artistisch auf dem Pedal brilliert, dann begegnen sich für einen Moment sogar Kirchenschiff und Zirkuskuppel, und vielleicht profitieren beide davon. Melnikova musiziert ohne stilistische Scheuklappen, bekundet sogar vor dem heiligsten Gut deutscher Religionsmusik keinerlei Respekt und spielt die berühmte "Erbarme dich"-Arie aus Bachs Matthäuspassion klangschön und fließend, allerdings auch ziemlich neutral.
Erfrischend anders eben. In Bachs Präludium und Fuge D-Dur freilich überdreht sie die Virtuosität, und ein paar Ungenauigkeiten sind die Folge. Dafür beeindrucken wieder die machtvolle Religiosität und grimmige Bassgewalt bei einem Satz aus Prokofjews "Ivan der Schreckliche".
Und wenn beim "Schwan" von Tschaikowsky/Saint-Saens und dem "The Waltz" von Schostakowitsch die Rhythmen beschwingter werden, dann scheint es, als würde auch der an sich fundamentreiche Orgelklang immer leichter und filigraner. Melnikovas eigene Toccata "Freeway" zum Abschluss klingt dann wie ein Resümee. Dass auch ein deutsches Discounter-Produkt so heißt - wer in Russland kann das schon wissen!
60 begeisterte Zuhörer. "Das schönste Konzert im Orgelzyklus", sagte ein Besucher. Zeitweise irritierte ein hoher Ton, der mit der Musik offenbar nichts zu tun hatte. Der hat, so betont Hausorganist und Orgelzyklus-Veranstalter Karl-Ludwig Kreutz, nichts mit der Orgel zu tun. Es sind Resonanzen, die irgendwo im Raum entstehen und detektivisch aufgespürt werden müssen. mö