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Aus dem Bürgerkrieg zum Sprachkurs in Konz: Syrer schildern ihre Flucht nach Europa

Mohamad Bassam Bouni, sein Sohn Adam und seine Frau Fadwah Alsayed haben das Mittelmeer teilweise auf einem Schlauchboot überquert. Foto: privat
Mohamad Bassam Bouni, sein Sohn Adam und seine Frau Fadwah Alsayed haben das Mittelmeer teilweise auf einem Schlauchboot überquert. Foto: privat
Konz/Saarburg. Die größte Gruppe unter den fast 480 Flüchtlingen im Kreis Trier-Saarburg kommt aus Syrien. Viele Asylsuchende haben ihre Häuser verloren und ihr Geld für Schlepperbanden ausgegeben. Im Trierischen Volksfreund schildern drei Syrer ihre anstrengende Flucht nach Deutschland. Christian Kremer

Mohamad Bassam Bouni sieht glücklich aus. Der 47-Jährige ist einer der wenigen Flüchtlinge aus dem bürgerkriegsgebeutelten Syrien, der es geschafft hat, mit seiner ganzen Familie vor der Gewalt nach Europa zu fliehen. Seine Heimatstadt ist Homs, eine Rebellenhochburg. Sie ist größtenteils zerstört worden. Jetzt lebt er mit seiner Frau Fadwah Alsayed, seiner 15-jährigen Tochter Basmah und seinen 13- und siebenjährigen Söhnen Mufleh und Adam in einer Wohnung in Konz-Niedermennig.

Das Leben vor dem Bürgerkrieg: Bouni ist gebildet. Er spricht fließend englisch und kennt sich aus in der Welt. In Homs gehörte ihm ein Unternehmen, das Gewürze exportierte. Als Journalist hat er für ein Nachrichtenportal geschrieben. Er habe sich im Krieg auf keine Seite geschlagen. Als Journalist für das Magazin Syria News habe er einen Preis für seine Berichterstattung über soziale Themen erhalten, politisch sei er nie gewesen. Aber er ist weltgewandt. "Ich habe viele Länder besucht", sagt Bouni. Vor dem Bürgerkrieg war er gewohnt, viel zu reisen - nach Europa und in die USA. Auf die Flucht haben ihn diese Erfahrungen nicht vorbereitet. Er verließ Homs, nachdem eine Bombe sein Haus zerstört hatte. Ob die Regierung oder die Opposition dahinterstecke, wisse er nicht, sagt Bouni. Fakt ist: Er hat sein Heim und seine Firma verloren und beziffert den Verlust auf etwa 400 000 US-Dollar.

Die Flucht nach Ägypten: Wegen der Perspektivlosigkeit in Syrien nahm er den Rest seines Vermögens in die Hand, um sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen. Im Dezember 2012 setzten sich die Bounis in den Libanon ab. Dort leben zurzeit eine Million Flüchtlinge aus Syrien, die mit dem harten Winter kämpfen und reihenweise sterben. Damals bekam Familie Bouni noch einen Flug nach Ägypten.
Dort lebte sie fast 20 Monate lang. Unter Präsident Mohammed Mursi sei es erträglich gewesen, sagt Bouni. Doch die Lage änderte sich. Abd al-Fattah as-Sisi entmachtete die Muslimbruderschaft bei einem Militärputsch. So endete im Juli 2013 die Herrschaft der ersten demokratisch gewählten Regierung Ägyptens. Danach waren Hinrichtungen und gewalttätige Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Das Land war nicht mehr sicher.

Die Odyssee nach Europa: Die Situation wurde auch für die Bounis ungemütlich. Die syrische Familie entschloss sich deshalb im Herbst 2014 zur Flucht. Bouni nahm 15 000 US-Dollar in die Hand. Doch das Geld, das einer deutschen Familie einen wochenlangen Traumurlaub ermöglichen könnte, reichte für die Bounis nur für eine Schlepperbande und eine menschenunwürdige Odyssee übers Mittelmeer, die der Irrfahrt des Helden Odysseus kaum nachsteht. Mit 205 anderen Flüchtlingen begab sich die Familie auf ein Fischerboot. Auf offener See mussten die 150 Erwachsenen und 60 Kinder mehrfach die Boote wechseln. "Das war sehr gefährlich für die Kinder", sagt Bouni. Nach mehreren Tagen seien nur noch Wasser und Nahrung für einen Tag da gewesen, sagt Bouni.TV-Serie Flüchtlinge in der Region


Der Schlepper, der das Boot steuerte, habe nicht gewusst, wo sie sich befanden. Die Lage war aussichtslos. Durch Zufall entdeckte ein Nato-Minensuchboot die Flüchtlinge. Die Überfahrt nach Italien dauerte weitere vier Tage. Die Nahrung hätte nie und nimmer gereicht, wenn die italienische Marine die Flüchtlinge nicht versorgt hätte. Anders als Tausende Leidensgenossen überlebten die Bounis die Flucht mit Schlepperbanden übers Mittelmeer - durch pures Glück. "Später kam ein Sturm auf", sagt Bouni. "Aber wir haben Catania auf Sizilien erreicht."

Die Ankunft in Konz: Von Italien aus führte sie der Weg nach Stuttgart und später nach Trier. In Konz-Niedermennig leben sie zufrieden. Bouni will aber schnell Deutsch lernen. "Ich bin dankbar, dass der deutsche Staat mich unterstützt", sagt er. "Ich will aber ein Geschäft aufmachen oder arbeiten, weil ich es nicht mag, vom Geld anderer abhängig zu sein."

Mehr zu Flüchtlingen im Kreis Trier-Saarburg in unserem Dossier Extra

Zurzeit leben 77 syrische Flüchtlinge im Kreis Trier-Saarburg. Mehr als 30 von ihnen besuchen zwei Deutsch-Kurse an der Volkshochschule in Konz. Zwei Mitschüler von Mohamad Bassam Bouni haben ebenfalls mit dem TV geredet. Anders als Bouni mussten sie Familienmitglieder in Syrien zurücklassen. Weil sie Konsequenzen für ihre Frauen, Eltern und Kinder befürchten, wollen sie nicht mit vollem Namen auftreten. Mohammed (38) lebt im Hotel Römerstuben in Konz, in dem die Verbandsgemeindeverwaltung 20 Doppel- und Dreibettzimmer für Flüchtlinge gemietet hat. Er war früher Händler. Seine Frau und seine beiden Söhne sind in Syrien zurückgeblieben. Er ist vor vier Monaten aus Damaskus geflohen, weil er Angst hatte, eingezogen zu werden: "Ich will mich nicht für eine Sache töten lassen, hinter der ich nicht stehe." Mohammed ist über den Libanon und die Türkei geflohen. Mit einem Schlauchboot mit 65 Menschen an Bord ging es dann übers Mittelmeer nach Griechenland. Zu Fuß schleusten ihn Schlepper über Albanien, Montenegro und Serbien bis nach Ungarn, von wo aus er für eine Autofahrt nach Deutschland gezahlt hat. Er habe 15 Tage in verschiedenen Ländern im Gefängnis verbracht, sagt er. Die Schlepper hätten trotzdem abkassiert - sogar für Nächte, die Mohammeds Flüchtlingsgruppe im Wald von Montenegro verbracht habe. Die Schlepper, die die Flüchtlingsgruppen an Grenzposten vorbeischleusen, seien teils arabisch, teils europäisch gewesen. Jetzt will Mohammed seine Familie nach Deutschland holen. Er telefoniert regelmäßig mit ihr. Ziad (24) kommt ebenfalls aus Damaskus und hat dort einen Abschluss an einer technischen Berufsschule gemacht. Heute lebt er im Hotel Schons in Karthaus, wo 13 Asylbewerber untergebracht sind. "Ich wollte keinen Wehrdienst machen - da sterben die Leute", begründet er seine Flucht. Zusammen mit seiner schwangeren Cousine und zwei Cousins führte ihn die Flucht über den Libanon nach Algerien, Tunesien, Libyen und von dort über das Mittelmeer. Ziad erzählt, wie er mit Schleppern zu Fuß in Tunesien aufgebrochen und später auf einen Pick-up-Truck umgestiegen ist. Bei einer wilden Verfolgungsjagd über Dünen schüttelten sie die Polizei ab, um in die Hände von Banden in Libyen zu geraten. "Wir waren mit 170 Menschen in einem Stall eingepfercht und mussten das gleiche Wasser wie die Tiere trinken", sagt er. Dann setzte er zusammen mit mehr als 700 Menschen über das Mittelmeer über. Insgesamt war er 25 Tage lang unterwegs. In Europa angekommen führte ihn der Weg über Mailand und Nizza. Im Oktober 2014 kam er nach Karlsruhe und Trier. Dort sei das Baby seiner Cousine gesund zur Welt gekommen. Ziad würde gerne in Deutschland studieren. cmk