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Fünf Mahnmale für fünf Schicksale

Pellingen. Auf Anregung des Zeitzeugens Arnold Annen (84) wird in Pellingen (Kreis Trier-Saarburg) auf ganz besondere Art und Weise der verschleppten und ermordeten jüdischen Bürger gedacht. Der Kölner Künstler Gunter Demnig wird fünf pflastersteingroße Gedenksteine mit Namen und Schicksal am Dorfplatz in den Boden einlassen. Herbert Thormeyer

Pellingen. "Warum mussten die Juden sterben?", fragt sich Arnold Annen bis heute. Der 84-jährige Pellinger hat die fünf Bürger aus seinem Dorf, die von den Nazis deportiert und in Konzentrationslagern umgebracht wurden, persönlich gekannt und regte deshalb bei Ortsbürgermeister Horst Hoffmann eine ganz besondere Art der Erinnerung an: Stolpersteine. Die Kosten von 600 Euro übernimmt die Ortsgemeinde.
Es sind die vielleicht kleinsten Gedenksteine der Welt, die am 22. Februar um 11 Uhr auf dem Dorfplatz in Pellingen verlegt werden. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat diesen Stolpersteinen, die an den Holocaust erinnern, sein Leben gewidmet. Kleine Pflastersteine mit Inschriften auf Messing mit Namen und Schicksal ehemaliger jüdischer Bürger werden dort in Gehwege eingelassen, wo diese Menschen einst lebten. Passanten sollen gedanklich darüber stolpern und zum Nachdenken angeregt werden. Mehr als 40 000 Gedenksteine in über 1000 Orten sind es seit 1995 geworden.
"Das waren ganz normale Leute", sagt Annen. Seine Erinnerungen an die jüdischen Bürger, die alle sehr fromm waren und immer die Synagoge in Oberemmel besuchten, hat er für seine zehn Enkelkinder aufgeschrieben. "Die Jenny Herrmann hatte einen Lebensmittelladen. Bei ihr haben wir Kinder immer Bonbons geschenkt bekommen", erzählt der ehemalige Landwirt. Und über Bernhard Herrmann sagt er: "Das war ein hervorragender Mensch." Der Viehhändler war im Ersten Weltkrieg wegen Tapferkeit mit hohen Auszeichnungen, dem Eisernen Kreuz, EK I und EK II, dekoriert worden. Die tun mir schon nichts, habe Herrmann deshalb immer gesagt, erinnert sich Annen. Es sollte ein tödlicher Irrtum sein.
Auch einer der dunkelsten Tage der deutschen Geschichte kommt in Annens Aufzeichnungen vor: Am 9. November 1938 wüteten auch in Pellingen die Nazi-Schergen in der sogenannten Reichskristallnacht. Jenny Herrmanns Laden wurde verwüstet. "Über die Lebensmittel schütteten sie Petroleum", sagt der damals Neunjährige. Bis heute ist er überzeugt: "Pellingern traue ich sowas nicht zu." Er gehe davon aus, dass die Nazi-Schergen aus Nachbarorten angerückt seien. Fünf Mitglieder der Familie Herrmann wurden zwischen 1942 und 1944 verschleppt und ermordet. Die genauen Daten fand der Trierer Historiker Thomas Schnitzler heraus.
In den fünf Gedenksteinen werden diese Daten von Auguste, Bernhard, Helmuth, Jenny und Rudi Herrmann verewigt um dem Vergessen vorzubeugen.
"Propagandaaktionen fanden ab 1930 auch in der katholisch geprägten Bevölkerung des Trierer Landes verstärkte Akzeptanz", sagt Schnitzler. Aggressiv, zum Beispiel bereits bei einer Schlägerei am 21. März 1928 bei einer NSDAP-Versammlung in Konz, wurden weltanschauliche und politische Gegner bekämpft.Extra

Pellingen ist der vierte Ort in der Verbandsgemeinde Konz, in dem Stolpersteine verlegt werden. Die kleinen Monumente gegen das Vergessen mahnen auch in der Brotstraße 3 in Konz-Oberemmel, in der Bahnhofstraße 67 in Wiltingen und in der Konzer Innenstadt in der Martinstraße 17 vor Gewaltherrschaft und Rassenwahn. Unter www.konz.eu können Informationen über die tragischen Schicksale der örtlichen NS-Opfer abgerufen werden. dothExtra

Regionalhistoriker Willi Körtels aus Konz-Oberemmel nennt die Zahl von 237 jüdischen Bürgern, die vor der Nazizeit in Konz (63), Wasserliesch (9), Könen (80), Wawern (40), Pellingen (5), Oberemmel (30), Wiltingen (4) und Filzen (6) lebten. 124 von ihnen wurden ermordet. Einblicke ins jüdische Leben sind in Zeitungen wie Der Israelit, Allgemeine Zeitung des Judentums und CV-Zeitung möglich, die im Internet unter www.compactmemory.de erfasst wurden. doth