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Geisberg: Top-Weinlage oder Kinderstube für Wild?

Der abgeräumte Geisberg mit Blick in das Geisbergtal. TV-Foto: Alexander Schumitz
Der abgeräumte Geisberg mit Blick in das Geisbergtal. TV-Foto: Alexander Schumitz
Schoden/Ockfen/Wiltingen. Die Winzer Roman Niewodniczanski aus Wiltingen und Markus Molitor aus Bernkastel-Wehlen rekultivieren den Geisberg, früher eine der Toplagen der Saar. Andreas Pauly, Ortsbürgermeister von Schoden, kritisiert das Roden des Weinbergs auf einer Fläche von zwölf Hektar. Alexander Schumitz

Schoden/Ockfen/Wiltingen. Der Geisbergbach plätschert leise durch die Viehweiden, auf denen im Sommer Kühe und Pferde grasen. Außer Vogelgezwitscher ist in dem idyllischen Tal üblicherweise wenig zu hören. Bis es Ende Februar für sieben Tage laut wurde. Raupen, Bagger und Traktoren rückten mit vielen Arbeitern an, um eine Fläche von etwa zwölf Hektar zu roden.
Eigentümer der gerodeten Flächen sind das Weingut van Volxem in Wiltingen (Verbandsgemeinde Konz) und der Winzer Markus Molitor aus Bernkastel-Wehlen (Landkreis Bernkastel-Wittlich). "Nachdem wir im Januar entschieden haben, die Weinbergsflächen von mehr als 50 Eigentümern zu kaufen, wurden wir von der Landwirtschaftskammer aufgefordert, die Drieschen zu roden", sagt Roman Niewodniczanski, Inhaber des Weinguts van Volxem. Eile war geboten, da laut Bundesnaturschutzgesetz Bäume und Hecken zwischen dem 28. Februar und dem 30. September nicht gefällt werden dürfen. "Der Ockfener Geisberg war bis vor 90 Jahren eine der Toplagen des Anbaugebiets Mosel", berichtet Niewodniczanski, der zum Beweis eine Weinkarte des Pariser Nobelhotels Ritz aus der Zeit um 1900 und die Gebote für diesen Wein auf der Trierer Weinversteigerung aus der Jahrhundertwende vorlegt. Im Schnitt hätten die Weine von der Saar 800 Reichsmark pro Fuder mehr erzielt als die von der Mosel. "Höhere Preise wurden nur für Weine aus den Lagen Scharzhofberger und Bockstein gezahlt", sagt Niewodniczanski. Der Ortsbürgermeister von Schoden, Andreas Pauly, ist zwiegespalten. Einerseits sei die Reaktivierung der Lage Geisberg, die auf Schodener Gemarkung liegt, unter weinbaulichen Gesichtspunkten zu begrüßen. Er kritisiert jedoch, dass die Gemeinde von der Rekultivierung der Fläche erst erfahren hat, "als die Winzer mit Motorsägen, Baggern und Raupen Fakten geschaffen haben." Auch habe das Roden von Teilen des Geisbergs große Auswirkungen auf das Jagdrevier der Gemeinde, weil sich in dem nun freien Bereich die "Kinderstube" etwa von Wildschweinen und Rehen befunden habe. Zudem müssen laut Pauly Teile des geplanten Saar-Riesling-Steigs neu trassiert werden, da ursprünglich geplant war, dass er zum Teil über die gerodete Fläche verläuft. Zur Klärung der Unstimmigkeiten setzt Pauly auf Gespräche mit den neuen Eigentümern, die er bald führen will.
Die Kritik lässt Gerd Benzmüller nicht gelten. Der Ockfener Ortschef ist von dem Projekt fasziniert: "Niemand im Dorf hätte geglaubt, dass auf dem Geisberg noch mal Wein angebaut wird." Viele im Ort seien froh, dass die Rebflächen im Geisberg nach 30 Jahren Brache wieder rekultiviert würden. Und auch für den geplanten Seitensprung sieht er keine Gefahr. "Der wird, da bin ich mir sicher, demnächst kommen."
Markus Molitor bewirtschaftet seit 15 Jahren neben Weinbergen an der Mosel auch Wingerte an der Saar. "Ich habe schon lange über eine Rekultivierung des Geisbergs nachgedacht. Als mich mein Freund Roman darauf ansprach, waren wir uns schnell einig, das Projekt gemeinsam anzugehen." Er ist sich sicher, dass der Wein aus der "Toplage Geisberg" das Angebot beider Weingüter ideal ergänzen wird.Meinung

Dringend miteinander reden
Der Geisberg ist mit der Titanic vergleichbar: Ein Luxus-Weinberg, der in der Weinbaukrise der 1980er Jahre abgewrackt wurde, weil die Bewirtschaftung der Fläche unrentabel erschien. Sie kümmerten sich nicht um den Berg, so dass ihn sich die Natur zurückholte und er sich zu einem Refugium für Wildschweine entwickelte. Jetzt haben zwei renommierte Weinbaubetriebe gehandelt und beschlossen, den Schatz zu heben und die historische Toplage zu rekultivieren. Die Entscheidung, ihn zu bergen, ist mutig, denn dafür nehmen sie einen siebenstelligen Betrag in die Hand. Aber nicht nur das: Sie glauben an das Potenzial des Geisbergs und wollen ihn wieder in die Champions League des Weins führen. Davon profitiert die ganze Region. Nur sollten sie künftig alle Kommunen mit einbinden, wenn sie Fakten schaffen. Dann sind die anfänglichen Disharmonien sicherlich bald vergessen. saarburg@volksfreund.deExtra

Als brachliegend gelten Weinbergsflächen erst dann, wenn sie dauerhaft nicht mehr genutzt werden und aus der Weinbaukartei gelöscht wurden. In dem von der Landwirtschaftskammer verwalteten Register wird die Lage Geisberg nach wie vor geführt. Die Landesverordnung zum Schutz bestockter Rebflächen vor Schadorganismen schreibt vor, dass Weinberge, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren nicht ordnungsgemäß gepflegt wurden, zu roden sind. Dazu gehört die vollständige Entfernung aller Rebstöcke. itz