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Geschichte zum Anfassen

Wiltingen. Nur wenige Bunker des einstigen Westwalles aus dem Zweiten Weltkrieg sind noch erhalten. Zwei von ihnen stehen in Wiltingen. Ihre Eigentümer haben sie hergerichtet und öffnen sie einmal pro Monat für Besucher. Inzwischen tun sie das seit fünf Jahren. Christoph Strouvelle

Wiltingen. "Und wo konnten die Soldaten duschen?" Fragen wie diese lassen Sven Zimmer und Marc Steinfeld schmunzeln. Denn heute sind die beengten Verhältnisse, in denen die Soldaten in den Westwall-Bunkern Wache hielten, für viele Menschen nicht mehr vorstellbar. Zimmer und Steinfeld sind Eigentümer der beiden letzten erhaltenen Wehrmachtsbunker bei Wiltingen.
Platz für sechs Soldaten


Früher waren sechs Soldaten in dem zwölf Quadratmeter großen Maschinengewehr-Schartenstand untergebracht. Sie mussten durch eine kleine Luke hineinklettern. Der Verteidigungsstand war in den damaligen Weinberg hineingebaut worden und von einem ein Meter dicken Stahlbetonmantel umgeben.
Die einzigen Öffnungen in der zehn Zentimeter dicken Stahlplatte an der Vorderseite des Bunkers waren ein Sehschlitz, um die Wiltinger Brücke zu beobachten, und ein Loch von etwa 15 mal 15 Zentimetern, durch das bei Bedarf mit dem MG gefeuert werden konnte. "Sechs Soldaten, das Maschinengewehr, 15 Munitionskisten mit Patronen, die eigenen Waffen, Lebensmittel, Wasser, Ofen, Klappbetten, Stühle, die Lüftungsanlage und der Eimer, der als Toilette diente, das musste alles hier rein", erklärt Eigentümer Zimmer. Ähnlich waren die Bedingungen im Artilleriebeobachtungsstand von Steinfeld. Die Bunker waren jeweils 1939 und 1940 ab dem Kriegsausbruch bis zum Beginn des Frankreichfeldzuges und dann wieder 1944 besetzt, als die Front wieder herangerückt war. Die anderen 48 Wiltinger Bunker sind heute alle verschwunden. Zum Teil seien diese von den Franzosen gesprengt worden. Andere wurden beim Bau neuer Straßen entfernt, sagt Steinmetz.
Kommentare in Gästebüchern


Die beiden vorhandenen Bunker blieben erhalten, weil unterhalb die Bahnlinie verläuft und bei einer Sprengung der hinunterfallende Beton hätte Schäden anrichten können, sagt Zimmer.
Heute öffnen die beiden während des Sommers an jedem ersten Sonntag im Monat ihre Bunker für Besucher. Diese kommen aus Deutschland, aber auch aus den Benelux-Ländern, Dänemark, Norwegen und sogar aus den USA, Japan und Südafrika. Die Kommentare in den Gästebüchern spiegeln wider, wie beeindruckend die Besichtigung für die Besucher ist. "Geschichte zum Anfassen" oder "Geschichte lernen" steht dort.
Am ersten Sonntag im August haben die zwei Eigentümer 65 Neugierige durch die Bunker geführt.
Aber was hat die beiden animiert, einen Bunker zu erwerben? "Jeder hat sein Hobby", sagt Zimmer, der seinen Bunker 2004 gekauft hat. Steinfeld: "Ich hatte schon immer Interesse an einem Bunker. 2005 habe ich diesen dann vom Bund erworben."
An Unterhaltskosten zahlt jeder von ihnen einen niedrigen dreistelligen Betrag pro Jahr aus eigener Tasche. Teurer und aufwendiger seien die Ersatzbeschaffungen, mit denen sie ihre Bunker ausstatten. Zimmer: "Originale Ersatzteile von der Filterpatrone für die Lüftung bis hin zur Zahnpastatube aus der Zeit sind sehr selten. Wenn jemand so etwas besitzt, muss er das auch verkaufen wollen."