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Kita im Pfarrhaus doppelt so teuer

Nittel. Die Ortsgemeinde Nittel kämpft mit einem enormen Kostenanstieg beim Ausbau des alten Pfarrhauses zur Kita. Damit die Gemeinde das Projekt umsetzen kann, muss sie wahrscheinlich bald die Steuern erhöhen. Jürgen Boie

Nittel Im Oktober 2015 waren es knapp 850 000 Euro, im März 2016 1,15 Millionen - und mit Stand 31. Januar 2017 sind es 1,65 Millionen Euro, die der Umbau des denkmalgeschützten ehemaligen Pfarrhauses in Nittel in eine Kindertagesstätte kosten soll. Zuzüglich 269 000 Euro, die die Ortsgemeinde im Jahr 2015 für den Kauf des Gebäudes ausgab. Dass das Projekt innerhalb von knapp eineinhalb Jahren fast doppelt so teuer werden soll wie anfangs geplant, hat laut der Ortsgemeinde viele Gründe. Das ist in der jüngsten Sitzung des Ortsgemeinderats klargeworden.

Gründe für Mehrkosten Da ist zum einen der marode Zustand des Gebäudes. Noch im September 2012 beurteilten die Gutachter Manthey & Partner aus Speicher das Dach als nicht sanierungsbedürftig. Knapp fünf Jahre später weiß man, dass das Gebälk des Dachstuhls teilweise in einem schlechten Zustand ist. Die Mehrkosten: rund 100 000 Euro. Weiterer Sanierungsbedarf wurde entdeckt, als Arbeiter für die Neuberechnung der Statik Wände und Decken öffneten: Holzbalken sind angefault und von Schädlingen befallen. Eine Betondecke anstelle der vorhandenen Holzdecke komme aus statischen Gründen nicht in Frage, erklärt Statiker Martin Kreutz. Die notwendige Verstärkung des Mauerwerks würde die Kosten explodieren lassen.
Der riesige Keller ist für eine Kita nicht geeignet - so die Erkenntnis der Architektin Vanessa Neukirch. Sie schlägt vor, das Dachgeschoss auszubauen. Für Licht und Lüftung müssten dazu Fenster eingesetzt werden. Die Denkmalschutzbehörde genehmigte acht Gauben. Dazu fallen weitere Arbeiten im Innern des Gebäudes an. Insgesamt erwartet Neukirch Kosten zur Erfüllung der Denkmalschutzauflagen in sechsstelliger Höhe.
Um das Gebäude zu erhalten, hat der Rat von Anfang an zwar Kosten für den Denkmalschutz einkalkuliert - allerdings nicht komplett. Die Preissteigerung kann dadurch aber nur teilweise erklärt werden. Noch teurer wird es, weil der Kirchenchor einen Proberaum in der künftigen Kita haben möchte. Zwar beteiligt sich die Pfarrgemeinde mit bis zu 40 000 Euro, aber der komplette Dachausbau kostet 270 000 Euro. Für ein gutes Raumklima soll zudem eine Fußbodenheizung und eine Lüftungsanlage eingebaut werden - das macht zusätzlich 250 000 Euro.

Entscheidung im Rat
Der Nitteler Ortsgemeinderat stellt die Kalkulation der Architektin nicht ernsthaft infrage, denn die Sanierung ist in diesem Umfang nötig. Die Wünsche der Kita-Betreiberin, die bistumseigene Kita gGmbH Trier, sieht das Gremium offensichtlich als gerechtfertigt an.
Angesichts der hohen Summe stellte Ratsmitglied Roland Steinbach (Unabhängige Bürger für Nittel, UBN) die Frage, ob sich Nittel den Ausbau des Pfarrhauses leisten könne. Die Ortsgemeinde wäre lange mit dem Schuldendienst beschäftigt, denn der Ausbau muss über Kredite finanziert werden. Auch ein bereits zugesagter Landeszuschuss von 550 000 Euro muss neu beantragt werden: Seit der Förderzusage ist zu viel Zeit vergangen, weil das Geld bislang nicht abgerufen wurde.
Dass die Finanzierung ein großes Problem ist, geht auch aus den Vorgaben der Kommunalaufsicht hervor. In der Beschlussvorlage ist die Rede davon, dass der Kredit nach einer Besprechung am 13. Januar nur unter bestimmten Bedingungen genehmigt werde. Unter anderem muss die Ortsgemeinde zusagen, dass sie Verkaufserlöse aus Baugrundstücken in den Schuldendienst steckt. Zudem müsse sie die Einnahmemöglichkeiten besser ausschöpfen, heißt es. Wie die Einnahmen der Gemeinde gesteigert werden sollen, bleibt unklar. Möglich ist jedoch nur die Erhöhung der Gewerbe- und Grundsteuern. Die UBN forderte deshalb, dass über die Bedingungen der Kommunalaufsicht einzeln abgestimmt werden soll. Das lehnte Ortsbürgermeister Peter Hein (CDU) ab. Der Ortsgemeinderat stimmte der Planung trotzdem mit zehn gegen sechs Stimmen zu.

Lob aus Konz Für den Konzer Bürgermeister Karl-Heinz Frieden ist die Notwendigkeit, die Nitteler Kita auszubauen, ein Zeichen für die Zukunftsfähigkeit des Dorfes. Frieden ärgert sich auch über die stark gestiegenen Kosten, allerdings: "Ein Neubau an anderer Stelle käme unterm Strich nicht wesentlich günstiger, da dafür Grundstücke benötigt werden, die man jetzt zur Finanzierung des Pfarrhausumbaus verkaufen kann." Frieden, der auch Bürgermeister der Stadt Konz ist, kennt selbst ähnliche Probleme mit von der Kirche übernommenen Immobilien. Zuletzt hat die Stadt die Kita in Konz-Könen von der Kirchengemeinde übernommen. Auch dort steht ein Umbau für insgesamt 984 000 Euro an. Wegen eines festen Zuschusses des Bistums mussten die Konzer lange verhandeln.Meinung

Augen auf beim Immobilienkauf!
Die Ortsgemeinde Nittel möchte ein denkmalgeschütztes Pfarrhaus sanieren, um eine Kita daraus zu machen. Sie übernimmt das Gebäude von der Kirche, und die erwarteten Kosten verdoppeln sich innerhalb kürzester Zeit - ohne dass bisher auch nur ein Betreuungsplatz entstanden ist. Effektivität sieht anders aus. Die Kirche hat der Ortsgemeinde mit dem Verkauf des Hauses nicht gerade einen Gefallen getan. Und die Ortsgemeinde hat es anscheinend ungeprüft übernommen. Nun werden die Mehrkosten wohl auf die Bürger abgewälzt. Und die Nitteler müssen noch lange warten, bis es neue Kita-Plätze gibt, die sie wegen der Kinder im Neubaugebiet dringend brauchen. c.kremer@volksfreund.deWIE GEMEINDEN KREDITE GENEHMIGT WERDEN


Extra

Plant eine Gemeinde ein Projekt, für das sie einen Kredit braucht, muss sie vorab der Kommunalaufsicht die Notwendigkeit und die Finanzierung samt der Folgekosten vorlegen (Projektbeschreibung, Planungsunterlagen). Unter anderem wird dann auch geprüft, ob nicht auch eine andere Möglichkeit besteht, das Projekt zu realisieren, zum Beispiel Miete statt Kauf, Umbau statt Neubau. Bei der Beurteilung der Planungsunterlagen spielt auch die Finanzlage der Gemeinde eine Rolle. Die Kommunalaufsicht kann eine Genehmigung und damit auch die Kreditaufnahme an Bedingungen knüpfen. In der Regel bedeutet das, dass Steuererhöhungen verlangt werden und/oder Vermögenswerte wie zum Beispiel gemeindeeigene Grundstücke verkauft werden müssen, um den Kredit zurückzuzahlen.