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Kritik am Trierer Mutterhaus: Zu wenig Platz für die vielen Geburten

Die Neugeborenenstation Mutterhaus Mitte: Daniela Palm kümmert sich um ihre dreizehn Tage alten Zwillinge Sarah und Tabea. TV-Foto: Friedemann Vetter
Die Neugeborenenstation Mutterhaus Mitte: Daniela Palm kümmert sich um ihre dreizehn Tage alten Zwillinge Sarah und Tabea. TV-Foto: Friedemann Vetter FOTO: Friedemann Vetter (ClickMe)
Trier. Seit der Schließung der Geburtshilfestation im ehemaligen Elisabeth-Krankenhaus kritisieren Hebammen, Mütter und Mitarbeiter, die Kapazitätsgrenzen zur Betreuung werdender Mütter seien in Trier überschritten. Das Mutterhaus räumt die Probleme ein und stellt sich der Kritik. Jörg Pistorius und Christian Kremer

Trier. Frauen haben wieder mehr Mut zum Kind - mit dieser Zeile titelte der Trierische Volksfreund am 24. September. Nach 35 Jahren des Rückgangs steigen die Geburtenraten in Deutschland wieder. Eine gute Nachricht, die aber auch Probleme verursacht. Denn in den beiden Mutterhaus-Geburtshilfestationen in Trier-Mitte und in Ehrang wird es eng. Hebammen, Mütter und Mediziner beklagen überbelegte Zimmer, zu wenig Beratung und überfordertes Personal.
"Ich war im Mutterhaus Mitte zur Geburt angemeldet", berichtet eine junge Mutter. Als die Wehen im Abstand von sieben Minuten kamen, rief sie die Babystation an. "Man sagte mir, ich müsse auf jeden Fall mit einem Vierbettzimmer rechnen. Außerdem seien alle Kreißsäle belegt, und ich müsse im Zimmer warten, bis ein Platz frei wird." Bei einem Abstand von sieben Minuten sei diese Wartephase vertretbar. Den Rat, es doch lieber in Ehrang zu versuchen, nahm sie dann schließlich an. "Eine schicksalhafte Entscheidung, denn dort lief alles wunderbar."Trotz Blasensprung nach Ehrang


Eine zweite Mutter schildert diese Situation: Die Fruchtblase platzte, die Wunsch-Geburtsstation im Trierer Mutterhaus war aber voll. Der Arzt empfahl ihr, sich mit dem Krankenwagen nach Ehrang bringen zu lassen und ihr Kind dort zur Welt zu bringen. Betroffene kritisieren nicht nur die räumliche Situation. Eine 33-jährige Triererin erzählt, dass das Pflegepersonal im Mutterhaus insgesamt überlastet gewirkt habe. "Die haben mir nicht gezeigt, wie ich mein Kind richtig wickele", sagt die Mutter.
Auch die Stillberatung komme zu kurz. Ihr Kind habe nach der Geburt zu wenig getrunken und viel Gewicht verloren. Sie habe zufüttern müssen. Nachdem sie sich zu Hause mit der Nachsorge-Hebamme getroffen habe, habe dann alles problemlos geklappt. "Es wäre schön, wenn das Personal mehr Zeit für die Patienten hätte", sagt die Mutter.
Drei aktuelle Fälle, die als Beispiel für viele weitere stehen. Die Zahl der Babys steigt jetzt zwar wieder, aber da sie seit mehr als drei Jahrzehnten gesunken ist, haben viele Krankenhäuser in der Region um Trier ihre Geburtshilfestationen inzwischen geschlossen. Prüm, Saarburg, Hermeskeil - hier sind die Kreißsäle dicht. 2015 schloss schließlich auch das frühere evangelische Elisabeth-Krankenhaus in Trier seine Geburtshilfestation, in der Tausende Trierer zur Welt gekommen sind.
Das Elisabeth-Krankenhaus fusionierte bereits 2010 mit dem katholischen Marienkrankenhaus Ehrang zum ökumenischen Verbundkrankenhaus. Dieses wurde zum Jahreswechsel 2016 vom Mutterhaus übernommen. Die Schließung der Geburtenstation des früheren Elisabeth-Krankenhauses reduzierte die Zahl der Trierer Baby-Zentren von drei auf zwei: das Mutterhauszentrum in der City und das heute ebenfalls zum Mutterhaus gehörende ehemalige Marienkrankenhaus in Ehrang.
Anja Lehnertz hat viele Jahre Erfahrung als Hebamme in Trier und dem Landkreis Trier-Saarburg. "Die Engpässe sind eine Folge der Zentralisierung", sagt sie. "Das Ergebnis ist Chaos." Es gebe zu wenig Räume und Personal. "Manche Kliniken bezahlen Kopfgelder für Hebammen." Die wenigen, die noch da sind, seien total überlastet.
"Die Situation ist medizinisch tragbar, aber wenn irgendwann etwas passiert, heißt es: Warum habt ihr nicht vorher etwas gemacht", sagt ein Mitglied der Belegschaft dem TV, das namentlich nicht genannt werden will. "Die Station quillt teilweise über." Insgesamt gebe es zu wenig Räume: kein Arbeitszimmer für die Ärzte, nur ein Mini-Arbeitszimmer für die Hebammen und auch nur einen kleinen Aufenthaltsraum. Zwei Kreißsäle seien veraltet, Privatsphäre gebe es dort nicht. Im Untersuchungszimmer müssten sich die Frauen vor den Ärzten ausziehen, es gebe keine Umkleidekabine, nicht einmal einen Vorhang. Auch die Stimmung beim Personal sei nicht die beste. "Ich habe Angst, dass die Situation noch weiter zu Lasten der Patienten geht", sagt das Mitglied des Mutterhaus-Teams. Die Geburtshilfe sei eine der Haupteinnahmequellen des Hauses. "Es ist mir ein Rätsel, warum man hier nicht mehr investiert."
Das Mutterhaus räumt ein, dass die Situation nicht ideal ist - arbeitet aber an Verbesserungen - siehe das nebenstehende Interview.Meinung

Ein klares Alarmsignal
Eine Großklinik wie das Mutterhaus ist ein hochkomplexes Gebilde, und die Ankunft eines Babys ist ein nur sehr schwer planbares Ereignis. Engpässe gehören deshalb zum täglichen Geschäft. Dennoch ist die aktuelle Situation ein Alarmsignal. Die Zentralisierung zeigt ihre negativen Folgen. Das Mutterhaus trägt eine enorme Verantwortung. Mütter aus der gesamten Großregion wollen in Trier entbinden, weil sie hier die bestmögliche Betreuung und höchstmögliche Sicherheit erwarten. Dieser Erwartungshaltung, die auch ein Vertrauensbeweis ist, muss die Klinik gerecht werden - auch in Bezug auf Personalpolitik und Investitionsbereitschaft. Erste Erweiterungen sind bereits geplant. Das ist die richtige Entscheidung. j.pistorius@volksfreund.deExtra

Helga Bohnet ist die Sprecherin des Klinikums Mutterhaus der Borromäerinnen. Sie stellt sich den Fragen des TV. Wie viele Geburten gab es bisher im Jahresverlauf 2016 an den beiden Standorten Mitte und Ehrang? Wie viele waren es im Jahr 2015? Bohnet: Wir erwarten eine Gesamtzahl an Geburten im Klinikum Mitte im Jahr 2016 zwischen 1700 und 1800. Im Jahr 2014 hatten wir in Mitte 1214, in 2015 waren es 1490 Geburten. In den Jahren 2015 und 2016 haben wir demzufolge eine Steigerung von etwa 600 Geburten zu verzeichnen. Das Marienkrankenhaus Ehrang hatte 2014 insgesamt 1267 Geburten, 2015 waren es 1118 und 2016 unter der Trägerschaft des Klinikums Mutterhaus erwarten wir 950. Können beide Standorte die aktuellen Geburtenzahlen bewältigen? Bohnet: Eine Geburtshilfe kann die Zahlen der Geburten nicht planen. Deshalb gibt es auch immer mal Engpässe. Die gestiegenen Zahlen sind eine Herausforderung, ihre Bewältigung ist aber machbar, ohne dass der medizinische Standard vernachlässigt wird. Mehrere Mütter sprechen von einer klaren Überlastung. Bohnet: Natürlich sind manchmal alle Geburtssäle belegt. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Probleme zu lösen und für die Zukunft zu vermeiden. Wir haben im Klinikum Mitte bereits zwei neue Geburtssäle gebaut, die seit kurzem in Betrieb sind. Weitere Geburtssäle sollen bis Ende 2017 fertig sein.