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Mehr als ein Drittel der jungen Eltern in der Region hat keine Hebamme

FOTO: Hebammenkreisverband Trier-Saarburg/Bitburg-Prüm
Trier/Konz/Schweich/Hermeskeil. Mehr als ein Drittel aller Familien in Trier und im Landkreis Trier-Saarburg hat keine Nachsorge-Hebamme. Das zeigt eine Statistik des Hebammenverbands. Vor einer Fachtagung am Mittwoch in Trier belegt er so die Brisanz des Themas. Christian Kremer

Aurora erblickt am 14. November 2015 das Licht der Welt, in ihrem Elternhaus. Gleich zwei Hebammen sind dabei, als ihre Mutter Arabella Strassner zu Hause entbindet. Die 28-Jährige hat damit etwas Außergewöhnliches erlebt.

Denn 98 Prozent der Mütter in Deutschland bringen ihre Kinder in Kliniken zur Welt. Von den verbleibenden zwei Prozent entbinden die wenigsten Mütter zu Hause. Der Anteil könnte wohl auch kaum größer werden: Die wenigsten Hebammen begleiten noch Hausgeburten, und oft finden die Eltern gar keine Geburtspflegerin.

Strassner jedenfalls sagt, dass sie sich beim Entbinden zu Hause sehr wohlgefühlt habe. Sie fordert: "Alle Mütter sollten die Wahlmöglichkeit haben, ihr Kind so zur Welt zu bringen, wie sie selbst es wollen." Die Saarländerin engagiert sich deshalb im Verein Motherhood.

"Wir kriegen jeden Tag Nachrichten und Anrufe von Eltern, die keine Hebamme finden", erzählt Strassner von der Vereinsarbeit. Am Mittwoch, 30. August, vertritt sie in der Podiumsdiskussion bei einer Fachtagung über Hebammenmangel die Interessen der Eltern.

Verband legt Zahlen vor Bisher konnte niemand den Mangel, den Eltern, Kommunen und das Land beklagen, mit Zahlen untermauern. Doch jetzt macht der Vorstand des Hebammenkreisverbands Trier-Saarburg und Bitburg-Prüm einen Vorstoß: Er verknüpft die Geburtenzahlen des Trierer Klinikums Mutterhaus der Borromäerinnen mit der Anzahl der Nachsorgen durch freiberuflich tätige Hebammen im Stadt- und Kreisgebiet.

Die Mutterhaus-Zahlen sind laut Verband eine gute Grundlage, weil die Kreißsäle der Klinik im Trierer Zentrum und in Ehrang die letzten in Trier und im Kreis sind. Die weitaus meisten Kinder aus der Region werden dort geboren.

Der Abgleich der Zahlen zeigt eine klare Tendenz: Insgesamt hat mehr als ein Drittel (36,3 Prozent) der Eltern keine Nachsorge-Hebamme aus dem Kreis- oder Stadtgebiet. In der Stadt Trier sind es rund 45 Prozent.

Die Vorsitzende des Kreishebammenverbands, Ute Bösen, sagt: "Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wurde von uns aus den Daten erstellt, die wir ermitteln konnten." Es könne auch sein, dass die Familien gar keine Hebamme haben wollten oder in Nachbarkreisen Hebammen gefunden hätten.

Ein Indiz für diese These ist, dass der Anteil unbetreuter Eltern in der Verbandsgemeinde Hermeskeil sehr hoch ist (84 unbetreute Mütter bei 103 Geburten, siehe Grafik). Die Hochwald-VG grenzt an den Kreis Merzig-Wadern im Saarland.

Sonderfall Geburtshaus Die Zahlen für die VG Saarburg sind auf den ersten Blick verwirrend: 117 Geburten und 134 Nachsorgen. Das zeigt aber nicht, dass es ein Überangebot an Hebammen gibt, sondern, dass viele Saarburger ihre Kinder in der Merziger Geburtsstation oder dem örtlichen Geburtshaus und nicht im Mutterhaus in Trier zur Welt bringen. Diese Geburten sind von der Statistik nicht erfasst.

Ein Gespräch mit Maria Wallat vom Saarburger Geburtshaus bringt mehr Licht ins Dunkle: Allein 2016 wurden in der für die Region Trier einzigartigen Einrichtung 40 Kinder zur Welt gebracht und 150 Nachsorgen betreut, Tendenz steigend. Dieses Jahr seien es im August schon 41 Geburten, sagt Wallat. Und: "Wir müssen viele Frauen abweisen." Die Hebamme ist seit 41 Jahren im Beruf. Sie hält den Hebammenmangel für eklatant. Gründe seien die Kosten für Versicherungen und der steigende Aufwand für das Qualitätsmanagement.

Unbetreute Problemfälle Weitere Belege für das Ausmaß des Mangels liefert die Trierer Stadtverwaltung. Martina Philippi vom Netzwerk Kinderschutz/Frühe Hilfen im Jugendamt der Stadt Trier verweist auf die erfassten Daten bei Problemfällen wie Frühgeburten oder Säuglingskrankheiten.

In solchen Fällen wird im Mutterhaus die durch eine Bundesinitiative geförderte Familienkinderkrankenpflegerin hinzugezogen. Dann werde erfasst, ob die Eltern eine Hebamme hätten. Martini Philippi: "Dies ist ja nur ein kleiner Ausschnitt, aber er betrifft die Familien, die aus Sicht der Klinik aufgrund ihrer Situation ganz besonders auf die Betreuung zu Hause angewiesen sind." Von 155 betreuten Eltern im Mutterhaus hatten 2016 nur 67 eine Nachsorge-Hebamme.

Die Stadt Trier und der Kreis Trier-Saarburg veranstalten am Mittwoch, 30. August, um 17.30 Uhr im Kreishaus am Willy-Brandt-Platz in Trier eine Fachtagung zum Thema. TV-Redakteur Christian Kremer moderiert dort eine Podiumsdiskussion.

Zahl der Hebammen und Versicherungskosten

Laut Hebammenverband sind in Trier und im Kreisgebiet 56 freie Geburtspflegerinnen registriert. 13 davon sind zurzeit nicht aktiv (Elternzeit, Krankheit oder Rente). 21 arbeiten in Teilzeit, 22 betreuen mehr als 20 Familien pro Jahr, heißt es beim Verband. Auf 22 Vollzeit- und 21 Teilzeitstellen kommen allein aus dem Trierer Mutterhaus 2155 Geburten (siehe Grafik).

Maria Wallat betreibt das Saarburger Geburtshaus. Sie ist seit 1976 Hebamme. Für den TV zeigt sie, wie sich ihre Versicherungskosten entwickelt haben. 1989 hat sie als freie Hebamme begonnen. Damals kostete die Versicherung noch umgerechnet 54 Euro pro Jahr. 2017 sind 7261 Euro allein für die Berufshaftpflicht fällig, 2018 werden es 7639 Euro sein - hinzu kommen knapp 1400 Euro Haftpflicht für das Geburtshaus. Die Steigerung ist massiv.

Allerdings bekommen die Hebammen seit 2016 einen Teil des Betrags durch den Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen (GKV-Spitzenverband) zurückerstattet. Bundesweit stellt der GKV Millionenbeträge für die sogenannte Sicherstellungsprämie zur Verfügung.

Freiberufliche Hebammen, die mehr als vier Kinder pro Jahr zur Welt bringen, dürfen die Rückerstattung beantragen. "Die Versicherung ist inzwischen tragbar", sagt Wallat. Sie habe jedoch einen "Riesenstress mit dem Papierkram". Die Versicherungen hätten unter anderem die Messlatte bei der Qualitätsüberprüfung höher gelegt.
Meinung: Zahlen bestätigen ein Gefühl

Die Zahlen des Hebammenverbands erfassen nicht alle Geburten. Aus ihnen lässt sich auch nicht erschließen, wie viele Eltern freiwillig auf eine Hebamme verzichten. Trotzdem untermauert die Statistik die These vom Hebammenmangel.

Bisher basierte die Aussage auf einzelnen Aussagen von Hebammen und Eltern. Nun hat der Verband Zahlen vorgelegt, die ein Gefühl bestätigen. Damit hat der Hebammenverband etwas geleistet, das weder die Versicherungen noch die Kommunen oder Kliniken bisher vermocht haben.

Nun sollte die Statistik aufgegriffen und systematisch geführt werden. Nur so ließen sich die Versorgungslücken besser erfassen. Dazu müssten die Eltern befragt werden, bevor sie die Geburtsklinik verlassen. Das ginge auch ohne die Erfassung personenbezogener Daten.
c.kremer@volksfreund.de