| 15:52 Uhr

47-jähriger Konzer verdankt sein Leben einem Unbekannten
Wenn ein fremdes Herz in der Brust schlägt

Patrick Swietlik aus Konz-Oberemmel hat mehr als ein Jahr lang mit einem künstlichen Herz gelebt. Er musste es entweder auf einem Trolley hinter sich herziehen oder in einem Rucksack mit sich rumtragen. Foto: Foto Braitsch
Patrick Swietlik aus Konz-Oberemmel hat mehr als ein Jahr lang mit einem künstlichen Herz gelebt. Er musste es entweder auf einem Trolley hinter sich herziehen oder in einem Rucksack mit sich rumtragen. Foto: Foto Braitsch FOTO: Berlin Heart GmbH / Foto Braitsch
Konz-Oberemmel. Ein 47-jähriger Mann aus Konz-Oberemmel verdankt sein Leben einem Unbekannten. Im Trierischen Volksfreund erzählt er seine Geschichte. So zeigt er, wie lebenswichtig Organspenden sind – auch für jüngere Patienten. Von Christian Kremer
Christian Kremer

Ich kümmere mich beim Trierischen Volksfreund seit 2010 um die Konzer Ausgabe. Vorher habe ich ein Volontariat in der Redaktion absolviert und in Trier Germanistik, Politik- und Medienwissenschaft studiert. Mir ist es besonders wichtig, im Dialog mit den Lesern zu sein. Wer Anregungen hat, kann sich jederzeit an mich wenden. Erreichbar bin ich per E-Mail an c.kremer@volksfreund.de

Patrick Swietlik aus Konz-Oberemmel ist 47 Jahre alt. Dass der gebürtige Trierer noch lebt, verdankt er einem Menschen, den er nicht kennt. Denn der ehemalige Winzer trägt das Herz eines Organspenders in sich. Im besten Fall verschafft ihm das neue Herz Jahrzehnte. Ohne das Organ wäre er wohl schon tot.  Damit hat Swietlik Glück, denn die Organspenderzahlen in Deutschland sind rückläufig (siehe Info). Um zu zeigen, wie wichtig solche Spenden sind, erzählt Swietlik seine Geschichte.

Schlechte Nachricht 2016 fängt es an. Bis dahin ist der Oberemmeler als Winzer „im Weinberg rumgeturnt“, ohne Probleme. Fahrradtouren und Auftritte mit seiner Band gehören für ihn zum Alltag. Doch eines Morgens im Februar bekommt der damals 45-Jährige kaum noch Luft. Swietlik benutzt sein Asthma-Spray – vergeblich. Dann schläft er wieder ein. „Erst am Nachmittag bin ich aufgewacht“, erzählt er. „Die erste Diagnose beim Arzt lautete: Lungenentzündung.“ Einige Tests im Saarburger Krankenhaus fördern aber etwas weitaus Schlimmeres zutage: Eine Herzklappe schließt nicht mehr richtig. Das Organ pumpt nur noch mit 35 Prozent Leistung Blut durch den Körper. Swietliks Leben steht auf dem Kopf.

Zuerst habe er gedacht, dass es einfach so weitergehen könne, erzählt der 47-Jährige. Doch dann habe ihn ein Kardiologe ruppig mit der Wahrheit konfrontiert: Eine neue Herzklappe muss her. „Ich habe gedacht, die spinnen alle“, sagt Swietlik. Er habe zunächst noch Laminat in seinem Wochenendhaus verlegt. „Das ging nur über den Willen.“ Die Schmerzen werden größer. Irgendwann ist Wasser in der Lunge. Er nimmt Tabletten und darf mitten im Sommer nur noch einen Liter Wasser am Tag trinken. „Wie wenig das ist, fällt einem nur auf, wenn man sich daran halten muss“, erzählt er. Doch die Entwässerung ist nur der Anfang. Danach beginnt eine achtwöchige Odyssee durch Krankenhäuser, an deren Ende sein eigenes Herz nicht mehr von alleine schlägt.

Das Bild zeigt Patrick Swietlik, nachdem er alles überstanden hat. Foto: Christian Kremer
Das Bild zeigt Patrick Swietlik, nachdem er alles überstanden hat. Foto: Christian Kremer FOTO: TV / Christian Kremer

OP mit Folgen Ärzte im Brüderkrankenhaus schneiden seine Brust auf und setzen ihm einen Schrittmacher ein. Kurz nach dem Eingriff bekommt Swietlik Kopfschmerzen, später Schmerzen im ganzen Körper. Die neue Diagnose: eine Thrombose im Hirn. Der Oberemmeler muss in die Uniklinik nach Heidelberg. „Endlich mal im Hubschrauber fliegen“, habe er gedacht. „Aber ich konnte nichts sehen.“ Den ganzen Flug muss er liegen. „Die haben mir sehr viele Medikamente gegeben, die wildesten Drogen“, sagt er. In Heidelberg habe er keinen Ton verstanden wegen des badischen Dialekts und sogar versucht, Englisch mit den Ärzten und Schwestern zu sprechen. Aus Verzweiflung habe er randaliert. Das Krankenhauspersonal muss ihn ruhigstellen.

Patrick Swietlik aus Konz-Oberemmel hat mehr als ein Jahr lang mit einem künstlichen Herzen gelebt, das er mit einem Trolley transportiert hat. Das rechte Bild zeigt ihn, nachdem er alles überstanden hat.
Patrick Swietlik aus Konz-Oberemmel hat mehr als ein Jahr lang mit einem künstlichen Herzen gelebt, das er mit einem Trolley transportiert hat. Das rechte Bild zeigt ihn, nachdem er alles überstanden hat. FOTO: Berlin Heart GmbH / Foto Braitsch

Künstliche Pumpe Schnell ist klar, dass Swietliks Herz ausgedient hat. Der junge Mann wird zehn Tage lang ins künstliche Koma versetzt. Die Mediziner setzen ihm ein sogenanntes Berlin Heart ein. Das Gerät pumpt anstelle des Herzens das Blut durch seinen Körper. Zwei Herzkammern aus Edelstahl und Gummi halten den Patienten aus Oberemmel am Leben. „Das war sehr gruselig, als ich aufgewacht bin“, sagt Swietlik.

Als er aufwacht, wiegt der 1,80 Meter große Mann noch 59 Kilogramm – vor der Erkrankung waren es 80. Dafür hat er von nun an immer 18 Kilogramm schweres Gepäck bei sich. Sein Maschinenherz wiegt zwölf Kilo, der Trolley sechs. Alternativ transportiert er das lebenserhaltende Gerät im Rucksack. Die Maschine, die alle zwei Monate durch ein frisch gewartetes Exemplar ersetzt wird, begleitet ihn fast zwei Jahre. Manchmal fährt Swietlik Auto oder Fahrrad, obwohl er das mit dem Gerät nicht tun soll. Einmal habe er sogar ein Konzert im Weingut eines Freundes gespielt, erzählt er. Zum ersten Mal braucht er dort während eines Gigs eine Pause. Die Maschine wird aber schnell Teil seines Alltags, die Alternative wäre schließlich der Tod: „Ohne sie hätte ich noch drei Minuten zu leben gehabt!“

Patrick Swietlik aus Konz-Oberemmel hat mehr als ein Jahr lang mit einem künstlichen Herz gelebt. Er musste es entweder auf einem Trolley hinter sich herziehen oder in einem Rucksack mit sich rumtragen. Foto: Foto Braitsch
Patrick Swietlik aus Konz-Oberemmel hat mehr als ein Jahr lang mit einem künstlichen Herz gelebt. Er musste es entweder auf einem Trolley hinter sich herziehen oder in einem Rucksack mit sich rumtragen. Foto: Foto Braitsch FOTO: Berlin Heart GmbH / Foto Braitsch

70 Bettnachbarn Ab September 2017 beginnt die anstrengendste Zeit für den Oberemmeler. Er kommt wieder ins Krankenhaus nach Heidelberg und wartet auf ein Spenderherz. Erst am 20. Juni 2018 wird er das Haus wieder verlassen. 70 Bettnachbarn zählt Swietlik bis dahin. „Man lernt schlimme Leute kennen“, sagt er. Viele jammerten wegen Kleinigkeiten. Das Piepen der Geräte, die Krankenschwestern und die Ärzte treiben den Konzer an seine Grenzen. „Ich durfte nur aus der Klinik raus, wenn ich mehrere Handynummern angegeben habe und innerhalb von zehn Minuten wieder zurück sein konnte“, sagt er. Im Krankenhaus lernt er, eine Ukulele zu spielen.


Happy End
Schließlich ist es so weit: Am 3. Mai 2018 kommen drei Schwestern zu ihm. „Ein Herz ist da“, sagen sie. Erst sei er cool geblieben. „Dann ist mir doch schlecht geworden“, erzählt Swietlik. Nach zweieinhalb Stunden ist klar, dass das Spenderherz passt. Wieder schneiden Ärzte Swietliks Brustkorb auf. Körperlich ist er dank des künstlichen Herzens in einem besseren Zustand als bei den ersten beiden Eingriffen. Zwölf Stunden später schlägt das neue Herz in seiner Brust. 

Heute ist Swietlik glücklich, dass er lebt. „Es ist fast wie bei normalen Menschen, die nicht viel draufhaben“, sagt er und lacht. Der 47-Jährige weiß, dass er sein Leben einem Toten verdankt. Einem Fremden, der ihm sein Herz gegeben hat. Was er ihm sagen würde, wenn er sich bedanken könnte? „Das ist privat“, antwortet er. Seine Dankbarkeit könne er nicht in wenigen Sätzen ausdrücken.