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Recht
Nach Unfall mit Kind: Vom beliebten Paketboten zur Hassfigur

Dominik Charoy ist im Raum Konz-Saarburg bekannt. Der Paketbote ist dort täglich mit seinem Kleinlaster unterwegs.
Dominik Charoy ist im Raum Konz-Saarburg bekannt. Der Paketbote ist dort täglich mit seinem Kleinlaster unterwegs. FOTO: Dominik Charoy / Anja Groß
Nittel/Lebach. Zusteller Dominik Charoy erzählt im TV seine Geschichte. Er wurde zu Unrecht verdächtigt, ein Kind angefahren zu haben. Bis zu seiner Rehabilitierung erlebte er die „zehn schlimmsten Tage“ seines Lebens.
Christian Kremer

Ich kümmere mich beim Trierischen Volksfreund seit 2010 um die Konzer Ausgabe. Vorher habe ich ein Volontariat in der Redaktion absolviert und in Trier Germanistik, Politik- und Medienwissenschaft studiert. Mir ist es besonders wichtig, im Dialog mit den Lesern zu sein. Wer Anregungen hat kann sich jederzeit an mich wenden.

Der Saarländer Dominik Charoy ist unschuldig. Er hat niemandem etwas getan, schon gar keinem Kind. Doch für zehn Tage war das Bild von ihm in der Öffentlichkeit ruiniert. Er wurde auf Facebook als „Schwein“ bezeichnet. Unbekannte Menschen forderten Sanktionen für den 48-jährigen Saarländer vom Führerscheinentzug bis zur Gefängnisstrafe. Doch wie kam es dazu?

Vorfall Am Dienstag, 24. April, verletzt sich ein Kind im Nitteler Ortsteil Köllig. Die Polizei geht davon aus, dass es angefahren wurde. Zeugen haben das Fahrzeug von Dominik Charoy in der Nähe des Orts gesehen, wo das verletzte Kind gefunden wurde. Der Saarländer liefert seit zwölf Jahren Pakete in den Verbandsgemeinden Konz und Saarburg zwischen Freudenburg und Tawern aus. Er ist auch in Köllig täglich mit seinem Lieferwagen unterwegs. Wegen der Zeugenhinweise beginnt die Polizei mit der Fahndung nach dem Fahrer und dessen Fahrzeug.

Pressemitteilungen Teil der Fahndung sind bei solchen Vorfällen Pressemitteilungen mit Zeugenaufruf. Die erste geht am Tag des Unfalls um 17.37 raus. In Nittel sei gegen 16.20 Uhr ein Kind angefahren und dabei schwer verletzt worden, heißt es darin. „Der Fahrer des Unfallfahrzeugs flüchtete anschließend von der Unfallstelle.“ Zeugenhinweise deuteten auf einen Lieferwagen hin. Um 20.48 Uhr verkündet die Polizei mit der zweiten Pressemitteilung einen Fahndungserfolg: „Das Fahrzeug, das am späten Nachmittag in Nittel-Köllig einen Jungen angefahren und schwer verletzt hat, konnte im Rahmen umfangreicher Ermittlungs- und Fahndungsmaßnahmen am frühen Abend im Saarland gestellt werden.“ Der Wagen sei beschlagnahmt worden. Der Fahrer habe aber glaubhaft versichern können, dass er nichts von dem Unfallgeschehen bemerkt habe. Zehn Tage später, am 7. Mai, kommt die dritte Pressemitteilung. Die Polizei löst auf: Das Kind sei selbst auf das Trittbrett des Fahrzeugs gestiegen und heruntergesprungen, als es gemerkt habe, dass der Wagen gar nicht mehr innerhalb von Köllig anhalte, sondern weiterfahre. Bei diesem Sprung habe sich das Kind schwer verletzt. Das sei durch kriminaltechnische Untersuchungen und die Aussage des Kindes herausgekommen. Das Kind habe sich zunächst nicht an den Unfall erinnern können und erst mehrere Tage nach dem Vorfall eine Aussage machen können, erläutert ein Polizeisprecher heute. In der dritten Pressemitteilung betont die Polizei: „Damit dürfte auch der Paketfahrer deutlich rehabilitiert werden, denn er ist in der Region als zuverlässig und freundlich bekannt.“

Wirkung Charoy veröffentlicht am Tag des Erscheinens der drittem Pressemitteilung einen emotionalen Post auf Facebook, der es in sich hat. „Es waren mitunter die grausigsten zehn Tage, die ich jemals durchlebt habe. Die Vorverurteilungen waren das Schlimmste.“ Damit bezieht er sich auf die ersten beiden Pressemitteilungen der Polizei und die Reaktionen darauf. Mehrere Medien übernehmen die Meldungen wörtlich. Zum Teil werden sie mit Verweis auf die Polizei als Quelle überarbeitet. Zudem werden die Meldungen auf mehreren Facebook-Seiten veröffentlicht. Darauf folgten heftige Reaktionen. Charoy wird immer wieder beleidigt: „Schwein“, „Kopf ab“, „Schwanz ab“ oder „Arschloch“ habe es geheißen, erzählt der Paketfahrer im Gespräch mit dem TV. Den Grund dafür sieht er darin, wie die Pressemitteilung der Polizei formuliert war. Er habe als Täter dagestanden, weil er als aktiv Handelnder dargestellt worden sei. Ein „mutmaßlich“ oder ein „verdächtig“ hätte aus seiner Sicht schon gereicht, um den Eindruck zu ändern. Der Gipfel sei gewesen, dass in der zweiten Mitteilung gestanden habe, dass das Fahrzeug gestellt worden sei. Das sei nicht so gewesen. Die Saarburger Polizei habe seinen Chef und dieser ihn angerufen. Dann habe er mit der Polizei geklärt, dass er den Lieferwagen auf der Wache in Lebach vorbeibringen dürfe. Dort habe er dann die „glaubhafte“ Aussage gemacht.

Auf seinen Pakettouren in der Zeit  zwischen dem Vorfall und der aufklärenden Pressemitteilung sei er zum Teil misstrauisch beäugt und einmal auch auf offener Straße beleidigt worden. Nach der Auflösung durch die Polizei sei die Stimmung ins Gegenteil umgeschwenkt. Er habe Pralinen geschenkt bekommen, einmal habe ihn eine Frau umarmt. Etliche Menschen hätten ihr Mitleid ausgedrückt. Davon sei er überwältigt, sagt Charoy.

Fazit der Polizei Auf TV-Anfrage, wie es zu der unangenehmen Situation für den Paketboten gekommen sei, erklärt Polizeisprecher Karl-Peter Jochem das Vorgehen der Polizei. „Wir kommen zu einer Unfallstelle, wo wir immer nur einen bestimmten Sachstand aufnehmen können“, sagt Jochem. „Aufgrund der Zeugenaussagen in Nittel sind wir davon ausgegangen, dass sich der Unfall wie in der Pressemitteilung beschrieben ereignet hat.“

Für vorverurteilend halte er die Mitteilung nicht. Unfallflucht sei zum Beispiel laut Strafgesetzbuch immer ein Vergehen, betont er. Jeder könne sie begehen, egal ob Täter, Opfer oder Zeuge. „Das sind nur missverständliche Formulierungen und Polizeijargon“, sagt er zu den anderen Bedenken von Charoy. Worte könnten immer unterschiedlich interpretiert werden. Mit der dritten Pressemitteilung habe die Polizei den Sachverhalt schließlich aufgeklärt. In Bezug auf die Beleidigungen auf Facebook sieht er keine Schuld bei der Polizei. Im gleichen Atemzug rät er allen Betroffenen von Beleidigungen im Internet, eine Anzeige zu erstatten.