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Wein
Eine große Zukunft für die kleine Saar

Wiltingen. Wiltingen ist die Wein-Hauptstadt Deutschlands: Besonders Winzer Roman Niewodniczanski investiert in die Region. Von Christian Kremer
Christian Kremer

Ich kümmere mich beim Trierischen Volksfreund seit 2010 um die Konzer Ausgabe. Vorher habe ich ein Volontariat in der Redaktion absolviert und in Trier Germanistik, Politik- und Medienwissenschaft studiert. Mir ist es besonders wichtig, im Dialog mit den Lesern zu sein. Wer Anregungen hat kann sich jederzeit an mich wenden.

Roman Niewodniczanski empfängt seine Gäste gerne in einem Saal in seinem historischen Weingut Van Volxem – mitten in Wiltingen. Der Raum strotzt geradezu vor Geschichte. In den Regalen an der Wand stehen hunderte Weinflaschen. Ein 225 Jahre altes Klavier ziert eine Ecke des Jugendstilraums, und ein massiver dunkler Holztisch in der Mitte zeugt von großen Festen und Besprechungen. Die wertvollsten Stücke für den Winzer aus der Bitburger-Brauerei-Familie sind aber eher unauffällig: Da sind zum Beispiel die mehr als 100 Jahre alten Weinkarten berühmter Berliner, Pariser und New Yorker Luxushotels. Gleich daneben liegen ein kleines schwarzes Notizbuch und historische Wein-Zeitschriften. In einer Ecke stehen aufgerollt alte Katasterkarten. Was auf den ersten Blick wie Dekoration aussieht, ist für Niewodniczanski fast genauso wichtig für seine Erfolgsstrategie wie sein von ihm hochgelobtes Team um Kellermeister Dominik Völk. Und erfolgreich ist Van Volxem: Zuletzt hat das Branchenmagazin „Weinwirtschaft“ den 2016er Saar-Riesling des Weinguts zum besten Wein des Jahres gekürt (siehe Info).

Winzer Roman Niewodniczanski präsentiert eine große Flasche seines vom Branchenmagazin Weinwirtschaft ausgezeichneten 2016er Saar-Riesling. Zurzeit baut er auf einem 6800 Quadratmeter großen Gelände eines der größten Weingüter Deutschlands. Im Keller stehen große Fässer aus Eifeler Eichen, die ein Fassbinder in Österreich gefertigt hat.
Winzer Roman Niewodniczanski präsentiert eine große Flasche seines vom Branchenmagazin Weinwirtschaft ausgezeichneten 2016er Saar-Riesling. Zurzeit baut er auf einem 6800 Quadratmeter großen Gelände eines der größten Weingüter Deutschlands. Im Keller stehen große Fässer aus Eifeler Eichen, die ein Fassbinder in Österreich gefertigt hat. FOTO: Christian Kremer / TV

Geschichte als Ursprung Beim Planen geht Niewodniczanski geradezu wissenschaftlich vor – zum Beispiel beim Kauf seiner Anbauflächen. Eine Grundlage ist das Wissen um den Klimawandel in der Region. Das hat er unter anderem aus dem schwarzen Notizbuch, in dem Heinz-Peter van Volxem, ein Vorbesitzer des Weinguts, akribisch über Jahrzehnte hinweg Wetterdaten notiert hat. Noch wichtiger sind die historischen Weinkarten. Ihnen hat Niewodniczanski die ehemals hohen Preise für den Saarwein entnommen. Dann hat er sich durch Archive gearbeitet, um die passenden Katasterkarten zu finden. So konnte er die historisch wertvollsten Lagen identifizieren und sie nach und nach kaufen. Die Weine von dort waren am Anfang des 20. Jahrhunderts zum Teil doppelt so teuer wie die der exklusiven französischen Konkurrenz. „Die Saar hatte immer eine hohe Relevanz“, sagt Niewodniczanski. Auch heute: „Der teuerste Weißwein der Welt entsteht in Wiltingen – am Scharzhofberg“, sagt er und lobt seinen Kollegen Egon Müller. Dessen 2003er Trockenbeerenauslese wurde 2015 bei der Weinversteigerung des Großen Rings in Trier für 12 000 Euro (Netto) versteigert.

Doch auch Niewodniczanski, der einst branchenfremde Neuling aus der Brauerfamilie, ist inzwischen ein alter Hase in Sachen Weinbau. Er ist vor 18 Jahren ins Geschäft eingestiegen und spricht mit Begeisterung von den neuen Winzern an der Saar wie Günther Jauch, den Weber-Brüdern oder Florian Lauer: „Wir erleben diese Region in einem enormen Aufbruch!“

Saar-Weingut Van Volxem baut im großen Stil FOTO: Van Volxem

Die Zukunft Beseelt vom Wissen um die damalige Größe des Saarweins will Niewodniczanski ihn wieder an die Weltspitze führen. Die jüngsten Erfolge zeugen davon, dass die Saar auf einem sehr guten Weg ist. Doch der 48-Jährige arbeitet an einer Vision: Seit anderthalb Jahren baut er auf 6800 Quadratmetern auf dem Schlossberg zwischen Wiltingen und Schoden an seiner Weinmanufaktur samt Besucherzentrum. Van Volxem könnte künftig eines der größten deutschen Weingüter werden. Wie viel er dafür investiert, sagt der Winzer nicht. Dass es mehrere Millionen Euro sind, lässt sich aber nicht bezweifeln.

Herzstück seines neuen Weinguts ist die Produktionshalle mit vier Kellern. Ein Symbol für die Stärke der Saar soll aber das turmförmige Besucherzentrum werden, das direkt gegenüber dem Bismarckturm steht. „Der Turm steht am geografischen Mittelpunkt der Saar“, sagt Niewodniczanski und meint damit das Weinanbaugebiet zwischen Serrig und Konz. Der Winzer will ihn 2019  eröffnen und möglichst Gäste aus der ganzen Welt anlocken. Aus dem Panoramaraum, der noch im Rohbaustadium ist, sind acht wichtige Weinlagen zu sehen, darunter der Wiltinger Scharzhofberg, der Wawerner Ritterpfad und der Geisberg bei Ockfen.

Auf dem  Gelände entsteht auch eine Landschaft aus Kräuterfeldern, Streuobstwiesen und einem Spielplatz. „Das soll keine Ego-Show werden“, sagt der Winzer. Er wolle eng mit anderen Weingütern zusammenarbeiten und Verkostungen organisieren. Konzerte, Lesungen und Veranstaltungen mit Gourmetköchen könne er sich ebenfalls vorstellen. Einen Vorgeschmack gibt es am 4. September. Dann tritt der schottische Gitarrist Sean Shibe im Rahmen des Moselmusikfestivals im Van-Volxem-Keller auf. Die kulinarisch-musikalische Veranstaltung ist schon jetzt ausverkauft.

Während es bis zur Eröffnung des Besucherzentrums noch dauert, ist der Rest der Manufaktur weitestgehend in Betrieb. Dort ist viel Platz für die Produktion der Van-Volxem-Weine, die inzwischen in mehr als 20 Länder exportiert werden. Naturweine ohne Zusatzstoffe wie Schwefel sollen es sein – so wie sie in den historischen Weinzeitschriften im Van-Volxem-Jugendstilsaal definiert sind. Per Hand sortierte Trauben und der bewusste Verzicht auf industrielle Methoden machen das Weingut zur Manufaktur, obwohl dort jährlich mehr als eine halbe Million Flaschen abgefüllt werden.

Aussichten  Schon jetzt stehen im Keller 34 brandneue Eichenfässer, irgendwann sollen es 80 sein. In ihnen soll der Wein reifen. Das Holz stammt aus einem Privatwald der Bitburger-Familie Simon in der Eifel. Es wurde auf fünf Eisenbahnwaggons verladen und nach Waidhofen in Niederösterreich transportiert. Dort hat Franz Stockinger es weiterverarbeitet, europaweit eine Koryphäe für Fassbinderei.

Doch nicht nur das Holz für die Fässer hat Niewodniczanski von seiner Familie. „Die Möglichkeit, das bauen zu können, verdanke ich meinem Vorfahren Theobald Simon“, sagt er. „Für das Erbe bin ich sehr dankbar.“ Die Sparsamkeit und der Fleiß seiner Vorfahren ermöglichten es ihm, in Wiltingen seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Den Höhepunkt für sein Weingut erwartet er aber lange nach seinem Tod. „So hoffe ich, dass irgendwann meine Nachfahren an uns denken und es als Spiegelbild einer Renaissance wahrnehmen.“