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Reisen
Von Bayern zu Fuß bis nach Tibet

Nittel. Vier Jahre lang ohne Geld unterwegs: Stephan Meurisch hat in Nittel über seine Reise berichtet.

Es sind unfassbare 13 000 Kilometer, die Stephan Meurisch aus einem kleinen Dorf bei München auf seinem Weg durch 13 Länder nach Tibet zurückgelegt hat. Nicht mit dem Flugzeug, nicht mit dem Auto oder dem Fahrrad – zu Fuß. Gerade ist er wieder unterwegs, aber diesmal nach London. Zwischenstation war ein Vortrag in Nittel, zu dem ihn der Heimat- und Verkehrsverein und die Kultur- und Geschichtsfreunde eingeladen hatten.

Alles begann im Jahr 2009 mit dem Jakobsweg. 800 Kilometer in sieben Wochen durch Spanien. Da hat er bemerkt: „Nichts anderes ist langsam genug, um Land und Leute hautnah kennenzulernen. Und das hatte ich bislang noch nicht erlebt.“ Menschen anderer Kulturen zu treffen, das wurde seine Passion. 2012 kam die Idee mit Tibet.

Geld habe er keines gehabt. Aber es geht ja bestimmt auch ohne. „Man bekommt viel, wenn man nur nett fragt“, wurde zu seiner wichtigsten Erfahrung. Denn die Leute sind gastfreundlicher als man glaubt. Geld musste jedoch trotzdem zwischendurch verdient werden, als gelernter Elektriker, Englisch- und Deutschlehrer, Bauhandwerker oder Erntehelfer.

Eine besonders nette Art, um Geld zu verdienen, hat er in Istanbul entwickelt: Er bot Umarmungen für eine Türkische Lira an. Sein Hut füllte sich mit Münzen. Eineinhalb Jahre verbrachte er in der Türkei, lernte ein wenig die Sprache, verliebte sich sogar. Aber das Fernweh war stärker.

60 000 zum Teil faszinierende Fotos von Menschen und Landschaften und viele Videos entstanden auf der Reise, die Meurisch als Riesengeschenk empfindet. Zu sehen, wie Menschen in anderen Ländern leben, mit viel weniger auskommen als hierzulande, trotzdem freundlich sind und ihn immer wieder zu Hause aufnehmen und verpflegen.

„Man kommt als anderer Mensch nach Hause, und der Freundeskreis ist danach auch ein anderer“, stellt er fest. Die Gesprächsthemen mit einigen seiner Kumpels funktionierten nicht mehr. Die Erfahrungen waren einfach auseinander gelaufen. Eine wichtige Erfahrung war: „Nirgendwo habe ich mich als Ausländer gefühlt, sondern immer als Familienmitglied.“

Der Weg führte an einem Tag immer nur bis in den jeweils nächsten Ort. Bald lernt er weitere Extremreisende kennen, ein Mädchen, das mit dem Rad unterwegs war, ohne konkretes Ziel, aber mit Kreditkarte, oder einer, der das Ruderboot als passendes Vehikel für seinen Trip nutzte. Oft ist er in Schulen und erzählt von seiner Reise.

Als Herausforderung stellte sich Istanbul heraus: „Da darf man nicht zu Fuß über die Brücken – damit sollen Selbstmorde vermieden werden.“ Die Lösung: durch den Eisenbahntunnel, der gerade im Bau war. Eine Sondergenehmigung machte es möglich. Als erster Tourist, der das nutzte, war das dem Fernsehen eine Meldung wert.

„Indien ist ein anderer Planet. Darauf kann man sich nicht vorbereiten“, sagt Meurisch über den Subkontinent. Wieder ist die Mentalität eine völlig andere, wie in jedem der 13 Länder. Im Zielort Tibet ging nichts ohne Reiseführer: „Die Chinesen passen auf jeden Ausländer genau auf.“ Dennoch gab es vor dem Palast in Lhasa ein Jubelfoto.

Am Ende des Vortrages wurde Meurisch von Zuhörern umringt. Viele stellten Fragen zu Details. „Geld ist keine Garantie für ein glückliches Leben“, weiß der Fußreisende jetzt ganz sicher, und zitiert dann noch Albert Einstein: „Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen ist.“