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Kirche
Die Tawerner Orgel bekommt ihre Stimme zurück (Video)

Tawern. Mit dem C fing es vor einem Jahr an – heute funktioniert jeder vierte Ton des Instruments in der Tawerner Pfarrkirche nicht mehr. Bevor sie ganz verstummt, schickt die Kirchengemeinde sie jetzt auf eine aufwendige Kur. Von Benedikt Laubert
Benedikt Laubert

Die Note C muss als erstes dran glauben. Während das „Komm, Herr, seg-ne uns“ des Chors weiter durch die Pfarrkirche Tawern hallt, merkt Kichenmusiker Thomas Koltes, das etwas fehlt. So fest er auf die Tasten am Manual seiner Orgel drückt – C2 gibt es nicht mehr. Seit diesem Gottesdienst im Sommer 2017 verstummt eine Pfeife nach der anderen, und der junge Kirchenmusiker mit dem Dreitagebart beginnt, die Stücke, die er für die Gottesdienste spielt, in andere Tonarten zu transponieren.

So umgeht er die verstummten Töne fürs erste. Doch der Verfall geht weiter. Heute kann die 89 Jahre alte Orgel kaum ein Werk ohne Fehler singen, jeder vierte der 158 Töne ist seit dem Gottesdienst im vergangenen Sommer ausgefallen. Und ihre Stimme klingt belegt; Staub und Ruß vieler Jahre hat sich in ihren Zink-, Zinn- und Holzpfeifen abgesetzt.

Orgelbauer Fulko Harings renoviert die 98 Jahre alten Pfeiffen in der Tawerner Pfarrkirche.
Orgelbauer Fulko Harings renoviert die 98 Jahre alten Pfeiffen in der Tawerner Pfarrkirche. FOTO: Benedikt Laubert

Deshalb hat die Kirchengemeinde ihre Orgel nun auf Kur geschickt. Seit Anfang August stapeln sich die ausgebauten Holzpfeifen auf der Empore des Gotteshauses. An einer Wand lehnen mannshohe Metallpfeifen. Junge Mitarbeiter eines Orgelbau-Betriebs tragen sie nach draußen und packen sie in einen Lieferwagen. Sie sollen gewaschen werden; Orgelbauer Fulko Harings und seine Kollegen ersetzen beschädigte Lötnähte.

Kirchenmusiker Thomas Koltes zeigt einen Punkt, an dem die Orgel krankt: Bleirohre sind abgeknickt und lassen keine Luft mehr in die Pfeifen.
Kirchenmusiker Thomas Koltes zeigt einen Punkt, an dem die Orgel krankt: Bleirohre sind abgeknickt und lassen keine Luft mehr in die Pfeifen. FOTO: Benedikt Laubert

Etwa 65 000 Euro kostet die Kur der alten Orgel, und das Bistum zahlt keinen Cent dafür. Koltes lässt keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass aus Trier nichts kommt. Rund 8000 Euro haben Bürger und Unternehmen bisher bei Kirchenfesten und anderen Feiern gespendet, 10 000 Euro kamen von der Katholischen Frauengemeinschaft Tawern. Den noch fehlenden Beitrag sollen weitere Spender und die Kirchengemeinde leisten.

Zuletzt haben Orgelbauer das Instrument im Jahr 1992 renoviert – aber lange nicht so intensiv wie dieses Mal. Die 1248 Pfeifen wurden seither alle zehn Jahre vollständig geputzt.

Wer unten im kühlen Kirchenraum steht, hört zwar das Geräusch eines Akkuschraubers und das Klirren aufeinanderschlagender Metallpfeifen durch das Gewölbe hallen. Doch trotz der Arbeiten macht sich die Kur optisch von unten noch fast nicht bemerkbar. Die Prospektpfeifen, der vordere und damit sichtbare Teil des Instruments, stehen noch ordentlich aufgereiht an ihren Plätzen. Doch den Wald an Pfeifen dahinter haben die Handwerker bereits in ihr Auto gepackt.

Wer die schmale Steintreppe nach oben auf die Empore geht, sieht dort, wo sonst der Spieltisch steht, mehrere Bündel dünner Bleirohre aus dem Boden ragen. Auch diese Luftleitungen werden erneuert. Verfolgt man ihren Verlauf, findet man unter einem Balken einen der Gründe, warum die Orgel immer stummer geworden ist: Zahlreiche Bleirohre sind hier abgeknickt und lassen wohl keine Luft mehr in die Klangkörper. Auch die Windanlage, ein wichtiger Teil des Instruments, verliert Luft und wird überarbeitet. Und die abgegriffenen Tasten des Spieltischs bekommen einen neuen Belag.

Die Tawerner feiern trotz der Bauarbeiten weiter ihre Gottesdienste. Statt der mächtigen Orgel erklingt nun jeden Sonntag ein kleines elektronisches Piano. Doch wenn die Kur wie geplant verläuft, kann sich Thomas Koltes zur Weihnachtsmesse wieder an seinen Spieltisch setzen – und alle Pfeifen zum Klingen bringen.