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"Wir haben immer noch Nachholbedarf" - Historiker Willi Körtels zu seinem neuen Buch über die jüdischen Schüler in der Region

Konz/Trier. Willi Körtels befasst sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Juden in der Region - und dem schrecklichen Schicksal zahlreicher jüdischer Mitbürger. Jetzt hat der pensionierte Gymnasiallehrer aus Konz-Oberemmel ein neues Buch herausgebracht: "Jüdische Schülerinnen und Schüler an höheren Schulen der Region Trier".

Konz/Trier. Einer der renommiertesten Experten für jüdische Geschichte in der Region stellt am Sonntag, 25. Januar, 17 Uhr, sein neues Buch in der Jüdischen Gemeinde Trier, Kaiserstraße 25 vor. TV-Mitarbeiter Martin Möller hat mit ihm gesprochen.

Herr Körtels, am kommenden Sonntag stellen Sie Ihr neues Buch vor: "Die jüdischen Schülerinnen und Schüler der höheren Schulen in der Region Trier" ist der Titel. Ich denke, Sie beschränken sich dabei nicht nur auf abzählbare Fakten. Worum geht es in dem Buch?
Körtels: Es geht mir um die Verbindung der uralten jüdischen Bildungstradition mit der Schulbildung des 20. Jahrhunderts in der Region. Die jüdische Bildungstradition beginnt um 500 vor Christus.
Um diese Zeit wurde Schritt für Schritt das Tieropfer im Tempel abgeschafft. Stattdessen las man Texte aus der Thora, der hebräischen Bibel, vor. Ende des 18. Jahrhunderts hat sich das Judentum auch aus dieser Tradition heraus in den Dienst der Aufklärung gestellt.

Höhere Schulbildung galt vielen Juden als wichtiges Mittel, um zugleich der eigenen Tradition treu zu bleiben und gesellschaftlich akzeptiert zu werden.
Aber nun schreiben Sie doch über die jüdischen Schüler an den allgemeinbildenden Gymnasien der Region. Was ist das Besondere daran?
Körtels: Die Teilhabe der Juden an der höheren Schulbildung musste erst erkämpft werden. Vor 1800 nahmen die meisten Gymnasien keine jüdischen Schüler auf. Das änderte sich rasch. In Trier wurden mit der Gründung des heutigen Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums 1804 auch Schüler aus der jüdischen Oberschicht aufgenommen.

Sind denn in den Trierer Schulen vor 1933 Diskriminierungen bekannt?
Körtels: Ich kenne aus der Zeit vor 1930 nur zwei Fälle. In beiden gab es keine persönlichen Diskriminierungen, sondern es waren Fälle, bei denen Personen in kirchenpolitische Streitigkeiten hineingezogen wurden. Direkte antisemitische Angriffe gab es vor 1931 so gut wie gar nicht. Es herrschte Einvernehmen.

Aber das änderte sich ...
Körtels: Einen ersten Angriff auf eine jüdische Jugendgruppe gab es 1930/31. Und nach 1933 kam es zu Attacken auf jüdische Schüler durch Lehrer und auch Mitschüler.

Sie haben vor knapp einem Jahr schon ein Buch "Materialien zur Geschichte der Juden in Konz" herausgebracht, auf das ich auch gerne eingehen möchte. Womit befassen Sie sich darin?
Körtels: Ich habe versucht, die mir erreichbaren Fakten zum jüdischen Leben in Konz zusammenzutragen. Mich interessierte dabei vor allem, wie viele jüdische Mitbürger es in Konz gab und was aus ihnen geworden ist. 1808 gab es drei jüdische Bürger, 1895 waren es 49, 1933 dann 61 und 1938 noch 25. Was aus ihnen geworden ist, wissen wir nur bei einigen.

Sie engagieren sich für die historische Aufarbeitung der deutsch-jüdischen Vergangenheit. Wollen Sie nur eine Lücke in der Geschichtsschreibung schließen oder geht es Ihnen vor allem um einen Appell an die Lebenden?
Körtels: Beides ist wichtig. In der Nachkriegszeit wurde über die jüdischen Schicksale nicht gesprochen. Meine Arbeit trägt dazu bei, dass die Namen der jüdischen Bürger damals überhaupt bekannt werden. Mir geht es aber auch um das Schicksal dieser Menschen.

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis normalisiert sich in der jüngeren Generation zusehends. Reißt man mit der Erinnerung an Vergangenes nicht alte Wunden wieder auf?
Körtels: Ich war selber in Israel und hatte nicht den Eindruck, dass man alte Wunden aufreißt. Der Holocaust ist an den israelischen Schulen ein Prüfungsfach. Natürlich gehört die Erinnerung an den Völkermord zum Teil israelischen Selbstverständnisses. Und Erinnerung ist auch für uns wichtig: Meine Generation, also die 60- bis 70-Jährigen, hat in der Schule nichts vom Holocaust erfahren. Wir haben da immer noch Nachholbedarf.

Kritik am heutigen Israel muss ja nichts zu tun haben mit Antisemitismus. Wie stehen Sie zur aktuellen Politik des Landes - vor allem im Verhältnis zu den Palästinensern?
Körtels: Es ist eine äußerst komplexe Situation. Ich bin allerdings nicht einverstanden, wenn man Israel zum Schuldigen erklären will. möExtra

Willi Körtels wurde 1947 in Schöndorf im Kreis Trier-Saarburg geboren. Ausbildung zum landwirtschaftlichen Betriebsleiter. 1970 Abitur in Koblenz. Studium der Katholischen Theologie und Germanistik in Trier und Freiburg von 1970 bis 1975. Später Lehrer am Gymnasium Konz von 1977 bis 2010. Seither im Ruhestand. Bisher etwa 20 Veröffentlichungen zum Thema Judentum der Region. Als Vorsitzender des Fördervereins Synagoge Konz-Könen ist er Betreiber der Internetseite mahnmal-trier.de mö