100 Jahre Städtisches Orchester Trier – Vom Ende der Provisorien

Jubiläum : 100 Jahre Städtisches Orchester Trier – Vom Ende der Provisorien

Ein Schritt zu echter Professionalität: Die Gründung der Trierer Philharmoniker vor 100 Jahren.

Die unhaltbaren Zustände dauern bekanntlich am längsten. Und die Zwischenlösungen, die improvisierten Arrangements, halten sich in der Regel am hartnäckigsten. Über eine Zeit von mehr als 100 Jahren hatte die Instrumentalmusik im Trierer Musikleben nur den Charakter des Vorläufigen. Reisende Theatertruppen, die sich in der Regel nur für eine Spielzeit in Trier aufhielten, brachten ihre eigenen Instrumentalisten mit oder stützten sich auf heimische Dilettanten.

Von 1814 an waren dann die Bläser der in Trier stationierten Musikkapellen Kern der Instrumentalmusik. Selbst für anspruchsvolle geistliche Werke wie Bachs Matthäuspassion, die 1893 in Trier erstmals aufgeführt wurde, wurden die Kapellen von zwei Infanterie-Regimentern herangezogen, die dann im Streichersatz durch Trierer Musiker ergänzt wurden – genauere Angaben dazu fehlen. Solche Instrumentalensembles wurden Bachs großer Passion wohl kaum ausreichend gerecht.

Aber auch von den Erstaufführungen der Beethoven- und Brahms-Sinfonien unter den damaligen Musikdirektoren (MD) Nikolaus Dunst und Hans von Schiller wird man sich keine übertrieben positiven Vorstellungen machen dürfen.  Andererseits scheiterten auch alle Versuche, Orchester dauerhaft zu etablieren. Die Instrumentalmusik blieb ein Anhängsel – aktiv nur bei den Chorkonzerten, die der 1846 gegründete Trierer Musikverein veranstaltete und selbstverständlich im Musiktheater, das zu Anfang des 20. Jahrhunderts durch den jungen, höchst ambitionierten Heinz Tietjen erheblich an Profil gewann.

Auch der Musikverein profilierte sich. Zur Eröffnung des Konzert- und Vereinshauses „Treviris“ fand im Mai 1900 ein dreitägiges Musikfest der Städte Trier, Koblenz und St. Johann-Saarbrücken statt. Zum 89-köpfigen Orchester reisten Musiker aus ganz Deutschland an. Zur dauerhaften Etablierung eines professionellen  Orchester sah man dennoch keine Möglichkeit und angesichts der bestehenden Situation wohl auch keine echte Notwendigkeit.

Wahrscheinlich hätte sich die provisorische Situation im Trierer Musikleben noch lange hingezogen, hätte nicht der Erste Weltkrieg alle Vorhaben durchkreuzt und alle Gewohnheiten infrage gestellt. Die Militärkapellen wurden abgezogen, die Orchestermusik in den Konzertprogrammen wurde durch Kammermusik ersetzt. Ein einzelner, eher  zaghafter Versuch einer Orchestergründung blieb Episode. Trier stand ohne Orchester da. Erst als Intendant Heinz Tietjen und Musikdirektor Erich Hammacher, die Brisanz der Situation erkannten, kam Bewegung in die Angelegenheit. Mit Datum 12. August 1919 gründete sich ein Privatverein als Träger des künftigen Orchesters.

Triers OB Albert von Bruchhausen setzte im Stadtrat einen Zuschuss von 100 000 Mark durch. Tietjen und Hammacher begaben sich auf die Suche nach professionellen Musikern, die Interesse an einer Mitarbeit in Trier hatten – und außerdem die nötige Kompetenz.

Hammacher und Tietjen planten offensichtlich, sich vom Musikleben der Vorkriegszeit entschieden zu distanzieren. Ihnen ging es um einen Abschied von den Provisorien, die sich damals schon über 100 Jahre hinschleppten.  Im neuen „Philharmonischen Orchester“, das sich nach Übernahme durch die Stadt 1922 „Städtisches Orchester“ nennen durfte, war der Anteil der Musiker aus Stadt und Region sehr gering. Er beschränkte sich bei einer Gesamtgröße von 36 Stellen auf zwei Geiger aus Trier und einen Geiger aus Wittlich. Tietjen und Hammacher verzichteten von vorneherein auf die Integration von Musikern aus den Instrumentalensembles vor 1914.

Das wirft auch ein Schlaglicht auf deren Qualität. Offenbar erreichte kaum jemand von ihnen die Professionalität, die beide Organisatoren für notwendig hielten. Stattdessen kamen  jetzt Musiker aus Regionen wie Kassel, Coburg, Freiburg, Berlin,  Wiesbaden, Hannover, Dresden oder Braunschweig nach Trier. Das Trierer Musikleben wurde überregional – ein entscheidender Schritt für eine Stadt, die gerade ihr Hinterland verloren hatte und sich jetzt wieder in einer Grenzlage befand.

Nach der Gründungsversammlung im August 1919 verabschiedete der Verein bereits am 15. August eine Satzung. Die legt fest: „Das Orchester hat die Aufgabe, in gemeinnütziger Weise dem Volke die Schätze der ‚Deutschen Musik zu vermitteln“. Seine Aufgaben lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

1. Theaterdienste bei Oper und Operette

2. „Intimste Zusammenarbeit des Orchesters mit dem Musikverein“, aber Beibehaltung der Eigenständigkeit.

3. Große und kleinere Orchesterkonzerte (auch Unterhaltungskonzerte) mit der Symphonie als wichtigster Gattung.

Die Konzertprogramme der ersten Spielzeit (1919/20) beschränkten sich auf das klassisch-romantische Repertoire, waren aber in der Zusammenstellung ambitioniert. Das Programm zum „1. philharmonischen Konzert“ am 27. Oktober 1919 wagte sich an Beethovens „Egmont“-Ouvertüre und dessen 5. Sinfonie und im zweiten Teil auf die Haydn-Variationen von Brahms und Wagners „Meistersinger“-Vorspiel.

Mit der Besetzung von 36 Musikern (oder, genau genommen, 35 Musikern und einer Musikerin) war ein solches Programm ohne Hilfe von außen nicht zu bewältigen. Das Veranstaltungsplakat verzeichnet denn auch „Das verstärkte Orchester der philharmonischen Gesellschaft“. Ein Solokonzert entfiel, weil sich das Orchester als „selbstständiger Instrumentalkörper“ vorstellen wollte. Dirigent war Musikdirektor Hammacher. Es folgten in der Saison fünf weitere Konzerte, im Programm jeweils klassisch-romantisch ausgerichtet.

Am 4. Sinfoniekonzert (26. 2. 1920) beteiligte sich erstmals der Chor des Musikvereins, und zwar mit einem „Stabat mater“ des Trierer Komponisten Gustav Erlemann  (1876-1936). Hammacher engagierte von Anfang auch prominente Solistinnen/Solisten. Im 3. Sinfoniekonzert war es der bedeutende Cellist Emanuel Feuermann mit Dvoraks Cellokonzert, im 5. Sinfoniekonzert war es die Pianistin Frieda Kwast-Hodapp, die Vertraute von Max Reger, mit Regers Telemann-Variationen und im 6. Konzert der bedeutende Bariton Friedrich Schorr mit der Schluss-Szene aus Wagners „Walküre“. Dem Hauptkonzert ging jeweils ein „Vorkonzert“ mit gleichem Programm und ermäßigtem Eintritt voraus. Außerdem veranstaltete die Philharmonische Gesellschaft Volkssinfoniekonzerte mit populärem Programm und gleichfalls reduzierten Eintrittspreisen.

Die Auswirkungen der neuen Professionalität zeigten sich deutlich im „Mittelrheinischen Musikfest“ 1925, das nach dem Ausscheiden von Hammacher und Tietjen 1921 von Musikdirektor Heinrich Knapstein organisiert und künstlerisch geleitet wurde. Knapstein griff den Festspiel-Gedanken auf und stand insoweit in der Tradition des Musikfestes von 1900. Während indes damals das Orchester überwiegend aus auswärtigen Musikern bestand, konnte Knapstein jetzt auf das Orchester in Trier zurückgreifen.

Die Auswirkungen auf das Programm waren nicht zu übersehen. Während das Musikfest um 1900 sich auf Konzerte und Schauspiele mit klassischem Hintergrund konzentrierte, wagte Knapstein Ausgriffe in die damalige Moderne. Ein Kompositionspreis wurde ausgeschrieben, der zu gleichen Teilen an Hermann Wunsch (1884-1945) und Wilhelm Richter (Daten unbekannt) ging. Außerdem erinnerte Knapstein mit mehreren Aufführungen an seinen Lehrer Max Reger. Im Übrigen erwies sich das Städtische Orchester als ruhender Pol in einer von Wechselfällen geprägten Kulturszenerie, blieb allerdings auch seinerseits in seiner Existenz bedroht.

Als wegen der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise das Theater 1930 geschlossen und das Orchester aufgelöst wurde, hatte sich die Idee musikalischer Professionalität scheinbar erledigt. Aber die Orchestermusiker, von denen ein Großteil in Trier verblieb, überbrückten als „ehemaliges städtisches Orchester“ auch eine mehrjährige  Durststrecke.

Die Situation in der Wiederaufbauzeit nach dem Krieg war für die Orchestermusiker nicht immer Anlass zur Freude. Aber wenn auch dem Klangkörper Jahr für Jahr „vorsorglich“ gekündigt wurde und sich die Verkleinerung von 1967 künstlerisch katastrophal auswirkte – die Professionalität wollte niemand mehr infrage stellen. Spätestens durch die Kontroverse um Orchester und Orchesterleitung in der Zeit von Intendant Sibelius (2015/2016) konnte es keine Zweifel mehr geben: Ein Orchester mit einem derart breiten Aufgabenspektrum, wie es die Trierer Philharmoniker abdecken, ist ohne Professionalität verloren.

Historischer Moment: Heinz Tietjen dirigiert in Trier „Ariadne“ von Richard Strauss . Foto: TV/Orchester

Mit ihrem Aufruf zur Gründung eines städtischen Orchesters und der Bewerberauswahl hatten Heinz Tietjen und Erich Hammacher die Weichen genau richtig gestellt.

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