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1700 Jahre jüdisches Leben: Figur Synagoge an Liebfrauenkirche Trier

Geschichte : Die blinde Dame mahnt zum Gedenken

Im Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ geraten auch historische Darstellungen des Judentums in den Blick, die erklärungsbedürftig sind. Wie soll man mit ihnen umgehen?

In 30 Kurzfilmen will das Stadtmuseum Simeonstift in Trier im Jubiläumsjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland beleuchten. Ein Schlaglicht wirft es dabei auch auf eine Darstellung des Judentums an einem der zentralen Plätze der Stadt am Portal der Liebfrauenkirche direkt neben dem Dom. Die lebensgroße Figur rechts vom Eingang zeigt Synagoge mit verbundenen Augen, zerbrochenem Stab und herabhängenden Gesetzestafeln in der Hand. Ihre Krone ist verrutscht, als würde sie fallen. Ihr gegenüber steht links des Eingangs Ecclesia, die Verkörperung der Kirche, als selbstbewusste, bekrönte Frau mit Kelch und Kreuz. Ist dies eine Herabwürdigung des Judentums?

„Auch wenn man einwenden könnte, dass ja beide Figuren gleichermaßen schön, jung, würdevoll und von Stand dargestellt sind, ist doch klar, dass Synagoge der Part der tragischen, der verblendeten Gestalt zukommt“, sagt Stadt- und Domführerin Bettina Hein. Hein erklärt im Film für die Ausstellung, was es mit den Portalfiguren von Liebfrauen auf sich hat, deren Originale aus dem 13. Jahrhundert heute im Dommuseum stehen. Darstellungen dieser Art gebe es an vielen Kathedralen in Frankreich, Deutschland und England, sie sind „keine Trierer Besonderheit“.

Die Synagoge, betont Hein, müsse im Kontext des gesamten Portals gesehen werden, das als in Stein gehauene Theologie die Heilsgeschichte abbildet. Der Gottesbund des Alten Testaments stehe dort dem des Neuen Testaments gegenüber. „Das Portal ist so gedacht wie die Pforte des Himmels“, ergänzt Hans Wilhelm Ehlen, viele Jahre Pastor an Liebfrauen. Ecclesia und Synagoge stünden dort wie Geschwister. Für das Verständnis des Figurenprogramms sei es unverzichtbar, „die Gesamtheit seiner Darstellungen in den Blick zu nehmen und einzelne Figuren nicht losgelöst von ihrem theologischen Kontext zu betrachten“, so Ehlen. „Dann wird sich auch der Vorwurf des Antijudaismus oder Antisemitismus auf sein biblisches Maß reduzieren.“

Dennoch kann man die Wirkung solcher Bilder nicht außer Acht lassen. „Ein an so prominenter Stelle aufgestelltes Statement der christliches Überlegenheit dient auch dem Anschauungsunterricht, der Belehrung. Hier war und ist öffentlicher Raum, auch Lebensraum der jüdischen Bevölkerung“, sagt Bettina Hein. „Hier kamen Einheimische täglich vorbei, aber auch Händler, Reisende, Pilger. Ihnen allen wird dieses Bild vor Augen geführt.“ Hier werde „theologisch begründet, warum Juden einen untergeordneten Platz in der Gesellschaft einnehmen sollen“. Mit Negativbildern wie diesen könne das gesellschaftliche Klima vergiftet und konkreten Taten der Boden bereitet werden.

Tatsächlich gab es rund 50 Jahre nach Entstehen der Figuren an Mosel und Rhein Judenverfolgungen, rund 100 Jahre später die Pestpogrome.  1418 wies der Erzbischof von Trier alle Juden aus der Stadt. Angesichts der Geschichte regt der Trierer Stadtführer Michael Becker an, sich mit einer Tafel oder einem QR-Code von solchen Negativbildern öffentlich sichtbar zu distanzieren, insbesondere im Jubiläumsjahr, wo mit zusätzlicher Aufmerksamkeit zu rechnen sei.

Eine solche Auseinandersetzung gibt es schon, sagt Ehlen. Die Pfarrei Liebfrauen habe bereits vor Jahren einen Flyer veröffentlicht, der in der Kirche gegen einen kleinen Obolus erworben werden könne. „Manchen Betrachter“, heißt es darin, „erinnert der Anblick der so dargestellten Synagoge an die Demütigungen der Juden in vergangenen Jahrhunderten, besonders an das grauenvolle Leiden des jüdschen Volkes in der Geschichte unseres Landes“. Dem stünden sie als heutige Christen „mit tiefer Scham und Trauer“ gegenüber. Die Figuren Ecclesia und Synagoge seien „ein Dokument ihrer Zeit“ sowie „Erinnerung und Mahnung für unsere Zeit“.

Doch der Flyer erreicht viele Passanten nicht. „Eine Tafel am Eingang ist undenkbar“, sagt Michael Berens, der rund 30 Jahre lang Denkmalpfleger im Eifelkreis Bitburg-Prüm war und  nun ehrenamtlich in der Pfarrei Liebfrauen mitwirkt. Eine Tafel störe die wertvolle, denkmalgeschützte Fassade, die man als Gesamtheit betrachten müsse. Berens betont das gute Verhältnis zur jüdischen Gemeinde, wovon nicht nur das Geschenk zweier Menoren aus St. Paulus zeuge. Ob ein kleiner QR-Code anstelle einer Tafel angebracht werden könne, müsse die Pfarrei entscheiden. Dieser Diskussion habe Corona einen Riegel vorgeschoben, so Ehlen.

 Umgang mit Juden-Darstellungen: am Wetzlarer Dom distanziert sich die Gemeinde von der Darstellung eines Juden.
Umgang mit Juden-Darstellungen: am Wetzlarer Dom distanziert sich die Gemeinde von der Darstellung eines Juden. Foto: Michael Becker
 Umgang mit Juden-Darstellungen: am Wetzlarer Dom distanziert sich die Gemeinde von der Darstellung eines Juden.
Umgang mit Juden-Darstellungen: am Wetzlarer Dom distanziert sich die Gemeinde von der Darstellung eines Juden. Foto: Michael Becker

Schon jetzt aber wollen der Pastor und Berens sich dafür einsetzen, dass der Flyer an alle Stadtführer verteilt wird, die sich mit der Liebfrauen-Fassade und dem jüdischen Leben in der Stadt beschäftigen.