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Musical: 2,54 Zentimeter bis zur echten Frau

Musical : 2,54 Zentimeter bis zur echten Frau

Manuel Schmitt inszeniert das Rock-Transvestiten-Musical „Hedwig and the Angry Inch“.

Was hat man nicht alles getan, um aus der verhassten DDR herauszukommen! In monatelanger Arbeit Tunnel gegraben zwischen Ost- und West-Berlin, sich in umgebauten PKW-Kofferräumen zusammengezwängt, um über die Grenze zu kommen, in einem selbstgenähten Fesselballon mit dem Wind nach Westen gezogen … Nicht historisch belegt ist dagegen die Geschichte vom Ost-Berliner Hansel Schmidt, der sich in eine Frau umoperieren lässt, um einen GI heiraten und als „naturalisierte Amerikanerin“ zu Beginn der 1980er Jahre aus der Honecker-Diktatur fliehen zu können. Der Operateur, der den kleinen, aber entscheidenden Unterschied beseitigen sollte, war jedoch zu ungeschickt oder zu betrunken oder beides, um einen sauberen Schnitt durchzuführen, und so blieben kümmerliche 2,54 Zentimeter Männlichkeit an dem Patienten hängen.

2,54 Zentimeter sind ein Inch, und Hansel tourt nach dem verpatzten Eingriff als trashige Rock’n’Roll-Drag-Queen „Hedwig and the Angry Inch“ durchs Land. Die 1998 in New York off-Broadway uraufgeführte Show kann auf eine beachtliche Erfolgsgeschichte zurückblicken; kein Jahr ist seither vergangen, in dem sie nicht in irgendeinem Theater irgendwo auf der Welt zu sehen war (und seit 2001 auch als Kinofilm). Für die Trierer Inszenierung ist Manuel Schmitt angereist, der am Haus zuvor schon „Die Großherzogin von Gerolstein“ auf die Bühne gebracht hat (mit Karl Sibelius in der Titelrolle). Ist er ein Spezialist für die vermeintlich leichte Unterhaltung? „Ist es wirklich leichte Kost?“, fragt der Regisseur zurück. „Es sind doch eher harte Stoffe im lustigen Gewand. Ich finde diese Form von Theater wichtig und gut. Ich mag es, über Humor, Satire, Karikatur und Übertreibung ernsthafte Dinge zu zeigen. Und nur weil sie ernst sind, brauchen sie nicht unbedingt eine ernste Form.“

Nicht zuletzt angesichts der weltweit diskutierten Gender-Debatten gewinnt das 20 Jahre alte Rockmusical eine aktuelle Relevanz. Wer bin ich, wie bin ich, wie kann ich dafür sorgen, akzeptiert zu werden als der oder die, der oder die ich sein möchte? So unbestimmt die Antworten auf derlei Fragen mitunter sind, so entzieht sich auch laut Schmitt das Musical einer exakten Kategorisierung. „Es ist weder ein tragisches Stück noch eine lustige Show. Es ist die Geschichte einer transsexuellen, ja verstümmelten Frau, also eine sehr tragische Ausgangssituation, die durchaus mit Elementen von Humor und Komik erzählt wird. Aber es ist keinesfalls eine nette, vergnügte Transvestitennummer. Normalerweise erzählt Hedwig bei ihrem Konzert von ihrem Leben in der DDR, ihrer Flucht, ihrer Operation … Aber ausgerechnet vor ihrem Auftritt in Trier passiert nun ein Unfall, der die Beziehung zwischen Hedwig und ihrer großen Liebe Tom verändert – und ebenso das Konzert, was das Besondere der Show ausmacht.“ Und um das Gender-Mixing auf die Spitze zu treiben, steht Hedwig ihr Ehemann und Backgroundsänger zur Seite – der von einer Frau gespielt wird.

Zwei Schauspieler gestalten den Abend, Norman Stehr als Hedwig und Sybille Lambrich als Yitzhak. „Mit Norman Stehr haben wir eine eher ungewöhnliche Besetzung getroffen, die dem Stück allerdings auch eine neue Dimension verleiht. Normalerweise wird Hedwig von einem Mittzwanziger gespielt. Norman dagegen ist Mitte 50 und passt damit biographisch ganz genau auf die Figur, die er verkörpert. Er ist genau in dem Alter, in dem Hedwig heute wäre. Wir haben es also mit einer sehr authentischen Lebensgeschichte zu tun, die ich mit einem Zwanzigjährigen so nicht hätte machen können.“

Wozu braucht ein (Fast-)Einpersonenstück eigentlich noch einen Regisseur? Kann der Schauspieler einen solchen Abend nicht auch allein gestalten? Schmitt schmunzelt. „Am Anfang habe ich auch gedacht, was wollen die eigentlich von mir? Macht doch euer Konzert, und ich sage euch hinterher, wie’s mir gefallen hat. Aber“, er wird wieder ernst, „Hedwig ist Tiefgang. Sie ist eine sehr intelligente Figur, die Dinge ausspricht, über die man ins Grübeln gerät und die man analysieren muss. Sie ist ein sehr schwieriger Charakter, und wir haben drei Wochen der Probenzeit damit verbracht, das Stück durchzukneten und die bestmögliche Form zu finden.“

 Vorbericht Theater
Vorbericht Theater Foto: TV/Simon Hegenberg

Ob das gelungen ist, können die Premierenzuschauer am Freitag, 4. Mai, um 19.30 im Casino am Kornmarkt beurteilen. Karten (die erste Vorstellung ist fast ausverkauft) gibt es unter Telefon 0651/718-1818.