3. Trierer Sinfoniekonzert mit einem Barockprogramm und einer echten Sensation

Klassik : Mutig an allen Klippen vorbei

Das 3. Trierer Sinfoniekonzert bietet neben Barockmusik eine echte Sensation.

In der Pause musste er das Hemd wechseln. Gastdirigent Michael Form hatte sich im 3. Trierer Sinfoniekonzert in einer Weise engagiert, die in dieser Größenordnung auch bei Dirigenten selten ist. Da schlägt er für die Streicher des Philharmonischen Orchesters weite Bögen, gibt detaillierte Einsätze, motiviert alle Musiker zu einer „sprechenden“ Interpretation des Barockprogramms. Er gibt der Musik der Londoner Konkurrenten Georg Friedrich Händel und Nicola Porpora nachdrückliche Statur und vermeidet alle Betulichkeit. Die kann bei Barockmusik tödlich werden. Aber die Musik lebt! Sie klingt, sie schwingt aus! Gerade bei Händel, dessen Stil so gefährlich in die Bereiche neutraler Repräsentation abgleiten kann, bewährte sich das Engagement des Gastdirigenten.

Der Erkältungsbazillus hatte offensichtlich im Philharmonischen Orchester seine unheilvollen Spuren hinterlassen. Das ließ sich mit wenigen Blicken auf das besetzte Podium unschwer ausmachen. Der Konzertmeister, die Trompeter, Cellisten und wohl auch die zweiten Violinen waren jedenfalls zum Teil mit Aushilfen besetzt. Aber anstatt die Musik herunterzuspielen, verstärkte dieses zum Teil neuformierte Orchester noch sein Engagement. Die Streicher stellten sich in erstaunlicher Homogenität dar, und von den Bläsern kamen die Einwürfe mit einer bemerkenswerten Prägnanz. So spielte man mutig und erfolgreich an allen Klippen dieser Kompositionen vorbei.

Und wenn das Programm nach der Pause zu französischer Barockmusik mit ihrer Tanznähe überging – zu Jean-Féry Rebel und Francois Francoeuer –, dann realisierten Michael Form und seine Musiker den faszinierenden Tonfall des französischen Stils, der damals weltweit übernommen oder kopiert wurde. Es ist ein unverzärtelter, ein starker, auftrumpfender und dabei immer tänzerisch bewegter Stil, die akustische Visitenkarte eines Weltreichs.

Ist das Philharmonische Orchester Trier für französischen Barock zu groß besetzt? „Nein“, antwortet Michael Form auf die selbstgestellte Frage, „eher noch zu klein“. Die Franzosen liebten damals die großen Klänge. Haydn schrieb seine Pariser Sinfonien für ein Orchester mit zehn Kontrabässen und vierfacher Holzbläserbesetzung. Trotz der bescheidenen Besetzung – auch das Trierer Orchester machte die Klänge von Porpora, von Händel, vor allem aber von Rebel und Francoeur groß. Und die königliche Majestät dieser Musik ist unvermittelt spürbar.

Ein vorzügliches Konzert – ganz gewiss. Die Sensation indes spielte sich nicht im Orchester ab. Réka Kristóf – was für eine fantastische Sängerin! Sie distanziert sich in den Händel-Arien des 3. Sinfoniekonzerts von all der forcierten Rhetorik, die alte Musik manchmal unleidlich machen kann. Nichts an ihrem Gesang, an ihrer Tonbildung ist angestrengt oder überdreht. Ihr Gesang strömt. Und das mit einer berückenden Fülle, Souveränität und Selbstverständlichkeit.

Ein weitgespannter Tonumfang steht ihr zu Gebote und eine ausladende Dynamik, von sachter Idyllik bis zu exaltierter Dramatik. Sie entfaltet ein feines Sensorium für die unterschiedlichen, hoch differenzierten Stimmungslagen dieser mal serenadenhaft heiteren, mal tragisch trauernden Musik.  Réka Kristóf hat schon jetzt alles, was aus ihr eine große Sängerin machen kann. Kein Zweifel: Sie war die Künstlerin des Abends.