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„30 für Trier“: Wie Künstler die regionale Kulturszene retten wollen

Musik : Rekordfestival „30 für Trier“: Wie Künstler die regionale Kulturszene retten wollen

Regionale Musikgrößen wollen mit einem Festival die Kultur in Trier retten. Der TV erklärt, was dahintersteckt – und wieso es notwendig ist.

26. Juni 2021, Samstagabend. Ein Paar schlendert durch Trier. Es ist Altstadtfest-Zeit, wochenlang haben sich die beiden auf das Event gefreut. Schließlich war es ja 2020 wegen der Corona-Krise ausgefallen. Sie trinkt einen Riesling, er ein kühles Blondes. Es ist ruhig. Moment mal, warum ist es ruhig? Wieso spielt keine Musik auf dem Hauptmarkt? Auch auf Vieh- und Kornmarkt gibt es nichts auf die Ohren. Die beiden hetzen durch die Stadt auf der Suche nach Musik. Schweißgebadet wacht der Mann auf. Puh, es war nur ein Alptraum. Einer, der wahr werden könnte.

Denn aufgrund der Corona-Krise geht es für Musiker, Bands und andere Kulturschaffende um die finanzielle Existenz. Konzerte, Ausstellungen und sonstige Events fallen aus, die Kassen bleiben leer. Viele Hauptberufler stehen vor fast unlösbaren finanziellen Aufgaben. Das kleine Wörtchen „fast“ vor dem so unschönen Adjektiv will sich eine Gruppe aus der Trierer Kulturszene nun zunutze machen und organisiert ein Festival, dass es in dieser Größenordnung in Trier noch nicht gegeben hat. Geknackt werden soll der Besucherrekord der Arena Trier (für ein teilweise bestuhltes Konzert liegt dieser bei etwa 6000 Zuschauern bei den Toten Hosen), in der das Festival stattfinden wird. Für 30 Euro wird es Dutzende Trierer Musikgrößen zu bestaunen geben.

Mit von der musikalischen Partie sind in jedem Fall folgende Künstler und Bands: 32/20 Bluesband, Achim Weinzen Band, Andi Sittmann, Big Fart, Dynamite Funk, Frank Rohles, Gravedigger Jones, Hanna Landwehr, Leiendecker Bloas, Marina Belle, Männer, Nells Park Rangers, Steff Becker, SteilFlug, The Pride of every mother in law, Thomas Kiessling, Triebverzicht, Unplugged Gang, Uwe Heil und die Electric Salvation Army sowie Wollmann und Brauner. Geplant sind weitere Bands, die jeweils zwischen 20 und 30 Minuten auftreten sollen. Am Ende des Tages wird es ein Trierer „All-Star-Konzert“ geben, bei dem Musiker verschiedener Gruppen zusammen auf der Bühne stehen. Der Festivaltermin wird festgelegt, wenn klar ist, wann wieder Konzerte stattfinden dürfen. Tickets können schon jetzt gekauft werden. Wo, das erklären wir am Ende des Textes. Nach Angaben der Veranstalter läuft der am vergangenen Freitag gestartete Vorverkauf bislang gut.

Die Idee hinter dem Selbsthilfe-Festival ist schnell erklärt: Die Einnahmen aus der Veranstaltung werden von einem unabhängigen Gremium an hauptberufliche Kulturschaffende verteilt. Beteiligt werden nicht nur Musiker, sondern auch Kunstmaler, Karikaturisten, Eventmanager, Ton- und Lichttechniker, Fotografen, Schauspieler und Aktionskünstler – vorausgesetzt, sie betreiben das als Haupterwerb.

Um an den Einnahmen beteiligt zu werden, muss das nachgewiesen werden. Erforderlich ist dafür eine Steuererklärung oder der Nachweis des Steuerberaters über die hauptberufliche Tätigkeit. Beworben werden kann sich per E-Mail an Wolfgang Esser, w.esser@makingmoments.de. Die Verteilung der Gelder übernimmt ein unabhängiges Gremium, das aus der Volksfreund-Chefreporterin Katharina de Mos sowie dem ehemaligen Geschäftsführer der MVGmbH Trier, Wolfgang Esser, besteht.

So weit so gut, aber wie kommt es, dass sich die Künstler selbst helfen müssen, gibt es doch vonseiten der Politik die Corona-Soforthilfe, die diese Woche noch einmal durch ein 15,5-Millionen-Euro-Paket des Landes verstärkt wurde?

Dazu spricht der TV mit Chris Steil. Er ist Musiker (unter anderem Steilflug und The Greybeards) und einer der Organisatoren von „30 für Trier“. Für Steil liegt das Problem der Corona-Soforthilfe darin, dass nur Betriebskosten abgesetzt werden können. Darunter fallen Ausgaben wie Miete, Leasing oder Strom- und Heizkosten für Räumlichkeiten. „Davon haben nur die wenigsten Kulturschaffenden große Blöcke, die sie angeben können“, sagt Chris Steil. Einnahmen, die durch ausfallende Veranstaltungen ausbleiben, würden nicht aufgefangen.

Auch das neuerliche Hilfspaket des Landes (der TV berichtete) greift laut dem Musiker nur bedingt: „Erstens werden Stipendiate vergeben, da reicht das Geld landesweit für 3750 Antragsstellende – das sind bei weitem nicht alle.“ Zweitens seien die höchstens 2000 Euro, die ein Künstler erhalte „nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein“. Es bliebe dann nur der Gang ins Arbeitslosengeld II, der für keinen Künstler erstrebenswert sei.

Dennoch wisse man, dass auch die Politiker in Land und Bund „nur ihren Job machen“. Deswegen sei in Trier der Entschluss gereift, nicht „mit dem Finger zeigen und jammern“ zu wollen. „Wir können uns bewegen und aktiv werden, um der Situation selbst und aus eigener Kraft die Wucht etwas zu nehmen“, sagt Chris Steil. Apropros Politik: Für die Trierer Kommunalpolitiker, besonders für Ordnungsdezernent Thomas Schmitt, hat Steil ein Lob übrig: „Da werden wir in allen Belangen unterstützt.“

Mit dem „Festival der Extraklasse“ soll verhindert werden, dass Alpträume wie der vom musiklosen Altstadtfest, nicht Wirklichkeit werden.

Karten gibt es für 30 Euro (zzgl. VVK-Gebühr) bei Ticket Regional. Anders als angegeben wird es auch Sitzplätze geben.