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351 Tage gefangen in Syrien

Buchkolumne: Neuvorstellung : 351 Tage lang gefangen in Syrien

Es erfordert Mut, die Geschichte über die eigene Entführung in Syrien zu erzählen. Vor allem, weil die Autorin dieses Buchs während der Gefangenschaft hochschwanger war und dort sogar ihr Kind zur Welt gebracht hat. Es sind die Erlebnisse von der Journalistin Janina Findeisen, die sie in ihrem Buch mit dem Titel „Mein Zimmer im Haus des Krieges“ schildert, zwei Jahre nach ihrer Entführung.

Im Jahr 2015 ist sie in Syrien auf einer Recherchereise, um ihre ehemalige Schulfreundin, Laura, zu besuchen. Findeisen will verstehen, warum ihre Freundin sich in Deutschland radikalisiert hat und anschließend mit ihrem Kind nach Syrien verschwunden ist. Trotz der Sicherheitsgarantie, die sie von der Gruppe ihrer ehemaligen Freundin erhält, wird sie entführt, kurz bevor sie wieder abreisen kann. Die Entführer bringen sie von Haus zu Haus, da es in Syrien zu gefährlich ist, dauerhaft in einem Haus zu bleiben. Der Klang von Explosionen und Kämpfen begleiten dort den Alltag.

Das Leben, das sich für Findeisen in den 351 Tagen auf meist nur ein einziges Zimmer beschränkt, ist beklemmend und beängstigend. Als Leser kann man die Sehnsucht nach der Heimkehr und das Schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit beinahe mit den Händen greifen. Sie schreibt zu Anfang der Entführung: „Mein Tagebuch wird zum Zentrum meiner Welt, weil mir sonst nichts bleibt“.

Immer wieder vertrösten die Entführer sie: „In zwei Wochen bist du zu Hause!“ Aus Wochen werden Monate und schließlich fast ein Jahr. Mit manchen der Gruppenmitglieder versteht Findeisen sich gut, manche wollen ihr sogar helfen. Schließlich wird sie von einer anderen Gruppe befreit.

Es ist die nüchtern beschriebene Realität der Entführung, die den Leser beeindruckt zurücklässt. Findeisen schreibt über ihre Erfahrungen: „Entführt zu werden ist, wie ins Koma zu fallen. Das Leben drumherum geht weiter, nur ohne dich.“ Und auch zurück in Deutschland ist Findeisen nicht voller Hass. Die Vorstellung von „einem“ Islam oder „den Muslimen“ sei eine Simplifizierung, die es so schlicht nicht gebe, sondern eher vielfältige Varianten davon: „Es sollte um Differenzierung gehen.“

Janina Findeisen, „Mein Zimmer im Haus des Krieges. 351 Tage gefangen in Syrien“ Piper Verlag, 336 Seiten, 20 Euro.