| 18:18 Uhr

Philharmoniker
4. Sinfonie-Konzert im Theater Trier: Experiment geglückt

Viktor Puhl und das Philharmonische Orchester holen Wagner ins Theater Trier: Der gewagte Plan geht auf.
Viktor Puhl und das Philharmonische Orchester holen Wagner ins Theater Trier: Der gewagte Plan geht auf. FOTO: Theater Trier
Trier. Viktor Puhl inszeniert im 4. Sinfoniekonzert Wagner’schen Pathos in nüchterner Umgebung und mit vergleichsweise kleinem Orchester. Von Martin Möller

Richard Wagner an der Mosel? Da stellen sich Bedenken ein. Das Trierer Theater gilt nicht gerade als ideales Forum für die Musik des Bayreuther Meisters – optisch nicht und akustisch schon gar nicht. Das Philharmonische Orchester gilt als wenig erfahren im Umgang mit Wagner und muss zudem deutlich verstärkt werden. All das sind nicht gerade ideale Voraussetzungen für die notwendige Wagner-Nähe. Und schließlich: Was ist das für ein Wagner, der bröckchenweise in der üblichen Konzertlänge ausgeteilt  wird?

Aber: Das Experiment glückt!  Victor Puhl und seine Trierer Philharmoniker nehmen im 4. Sinfoniekonzert alle Hürden mit Bravour. Ein trotz Verstärkungen vergleichsweise kleines Orchester und ein französischer Dirigent, sie zaubern aus ein paar musikdramatischen Szenen ein eindringliches Bild von Wagners Genialität. Sie suchen und finden sogar neue Ideen im Umgang mit dieser Musik. Puhl nimmt das Vorspiel aus dem „Tristan“ zügig, ohne großes Pathos, beinahe nüchtern. Und der anschließende Liebestod ist keine Erlösungsmusik mehr, sondern ein freilich hoch eindringliches Konzertstück, wie eine sinfonische Dichtung.

Bringen wir es auf eine Formel: Victor Puhls Wagner ist nicht dramatisch, sondern sinfonisch. Die aufgeführten Szenen sind nicht beziehungslose hingestellte Fragmente aus den Musikdramen Wagners. Sie stehen für sich wie die Sätze einer imaginären Sinfonie – eigenständig, in sich geschlossen und unbelastet von einer Dramenhandlung, die bei der konzertanten Aufführung ohnehin keine Rolle spielt.

Und wo ein Dirigent aufs wuchtige Pathos verzichtet, da schärft sich der Blick für Wagners Orchesterklang, für seine geniale Instrumentation mit all ihrem Facettenreichtum. Schon der blitzsaubere Holzbläsersatz bei „Tristan“ macht beim Zuhören Lust auf mehr. Un dann gelingt Puhl und den Philharmonikern das Kunststück, dem Klang Helligkeit, Transparenz und Charakteristik abzugewinnen und dazu einen Farbenreichtum, der im Trierer Theater fast unmöglich schien. Erstaunlich, wie es gelingt, den ganz spezifischen Klang zu realisieren, den Wagner jedem Musikdrama, jedem Akt, ja jeder Szene mitgibt. Eindrucksvoll, wie  das Orchester auf dem Höhepunkt der „Morgendämmerung“  (aus „Götterdämmerung) gleißende Helligkeit verbreitet und gegen Ende der Szene zielbewusst in diffuses Halbdunkel absinkt.  Wie sorgfältig vermeidet Victor Puhl im Schluss der „Götterdämmerung“ jeden Bombast!  Die Szene wird zum schlanken, sinfonischen Finale, in dem sich Wagners Erlösungsvision nur andeutet.

Mag sein, dass nach der Pause in der Szenenfolge aus dem „Parsifal“ die sehr spezielle Klang-Helligkeit dieses Dramas nicht immer deutlich wurde. Aber die Blumenmädchen-Szene  aus dem 2. Akt: Welch eine subtile Klangmischung aus verführerischer Erotik und unschuldiger Naivität!

Und dazu, ganz Mittelpunkt,  Bernadette Flaitz. Der Einstieg im „Liebestod“ ist für keine Sängerin ein Vergnügen. Aber Flaitz singt sich frei und entfaltet spätestens in der „Götterdämmerung“ eine wunderbar hingebungsvolle Intensität. Ihre Stimme trägt auch über das vollklingende Orchester hinweg, und ihr dunkles Timbre hebt sich plastisch ab vom hellen Klang-Horizont der Trierer Philharmoniker. Dunkel gegen Hell, Stimme gegen Instrumente – welch eindringliche Konstellation!