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4. Sinfoniekonzert im Trierer Theater

Klassik : Eine Feier der Nachdenklichkeit

Drei Kompositionen und ein Leitmotiv: Das 4. Sinfoniekonzert im Trierer Theater schuf eine einmalige Atmosphäre.

Hat es im allzu nüchternen Trierer Theater schon einmal solch eine Stimmung gegeben? Ohne zweifelhafte Hilfsmittel wie Kerzenschein oder abgeblendeter Beleuchtung, allein durch Musik und Interpretation verbreitete sich im 4. Sinfoniekonzert eine Atmosphäre des Gedenkens – still, aber nicht mystifizierend. Es war Gabriel Faurés wunderbares Requiem, das einen Anlass gab zu dieser Feier der Nachdenklichkeit. Und es waren die Interpreten, die Faurés Partitur mit Bedacht und Achtsamkeit in Musik umsetzten.

Konzertmeister Petar Entchev war mit den Violinen in den Hintergrund gerückt und hatte den Bratschen das Feld überlassen. Es war der  dunkel grundierte Klang von Solobratscher Fernando Bencomo und seinen Getreuen, der im Theatersaal trotz dessen übertrockener Akustik Wärme im Klang und eine Stimmung der inneren Einkehr vermittelte. Der verstärkte Theaterchor gab dem einleitenden „Requiem aeternam“ die Stille und Tiefe eines innigen Gebets mit. Aber die Sängerinnen und Sänger sind auch gut für machtvolle Ausbrüche wie mitten im „Agnus Dei“. Und in den zahlreichen Passagen, in denen eine Chorgruppe quasi solistisch auftritt, blieben Intonation und Homogenität nur selten noch verbesserungsfähig.

Einat Aronsteins Sopran betörte mit einem hellen, ganz jugendlich-naivem Ton. Und Carl Rumstadts Bariton bestach mit seiner Markanz und seinem herrlich weitem Atem. Vor allem: Der Chor, aber auch Orchester und Solisten und nicht zuletzt Dirigent Jochem Hochstenbach – sie spannten die weiten Melodiebögen aus, die an Faurés Stil immer wieder faszinieren. Und wenn der Text im letzten Satz die paradiesische Seligkeit verheißt, dann zaubern Chor, Streicher, Orgel und Harfe einen in sich ruhenden Klang von impressionistischer Sensibilität. Kann sich jemand das Paradies freier, liebevoller, zärtlicher, träumerischer vorstellen?

Strawinsky, Mahler, Fauré:  Es waren Kompositionen  von großer Unterschiedlichkeit.  Und doch blieb das Leitmotiv des Gedenkens immer präsent. Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“ freilich kamen aus einer gewissen Neutralität nur selten heraus. Die Stimmenvielfalt in Mahlers Partitur drohte in der Theater-Akustik in solistische Einzelaktionen zu zerfasern.

Und erst im letzten Lied, dessen Orchester Mahlers sinfonischen Stil aufgreift, gewann der Gesamtklang an Rundung und Geschlossenheit. Vielleicht fehlte in Carl Rumstadts technisch makellosem Gesang noch die  Empfindungstiefe, fehlte diese beklemmende Verbindung aus Verzweiflung und Vision („wie ist der Tag so schön!“). Und doch: Auch bei Mahler offenbarte sich Rumstadts sängerisches Potenzial, seine Präsenz und Flexibilität – und ganz einfach die Schönheit seines Baritons.

Wie erstaunlich fügte sich auch Strawinskys ganz anders angelegte „Symphonies of Wind Instruments“ (Zusammenklänge für Blasinstrumente) ein in dieses Konzert.  Strawinskys musikalischer Nachruf auf Claude Debussy kommt völlig ohne klassisch-romantische Ausdrucksmittel aus. Seine Musik klingt wie ein Gedenken aus der Ferne. Und gleicht dazu einem akustischen Kaleidoskop mit ständig neuen Konstellationen. Die Bläser der Philharmoniker bewährten sich dabei auch in solistischen oder geringstimmigen Partien aufs Beste. Und Jochem Hochstenbach dirigiert souverän die zahlreichen Taktwechsel der Partitur aus.

Das Publikum im voll besetzten Theater war von Programm und Interpretationen sichtlich beeindruckt. Nach dem letzten Akkord bei Fauré setzte der Beifall erst nach einer Pause des Nachdenkens, der Besinnung ein.