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43. Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken startet trotz Corona am Sonntag

Leiterin über die Kultur in der Pandemie : Saarbrücker Ophüls-Filmfestival startet trotz Corona an diesem Sonntag

Im Vorjahr wanderte es wegen der Pandemie gänzlich ins Internet. Doch jetzt sind die Kinos wieder offen. Die Leiterin des saarländischen Filmfestivals Max-Ophüls-Preis, Svenja Böttger, über das Programm, das Organisieren unter Corona und die Probleme des Film-Nachwuchses.

An diesem Sonntag, 16. Januar, um 19.30 Uhr geht es los, da beginnt das 43. Filmfestival Max-Ophüls-Preis – in neun Kinos im ganzen Saarland und mit einem Online-Angebot. 49 Filme der Wettbewerbe sind in den Kinos und online zu sehen, hinzu kommt ein exklusives Online-Programm mit 31 Produktionen. Wir haben mit Svenja Böttger, der Leiterin des Festivals gesprochen.

2021 musste das Filmfestival Max-Ophüls-Preis wegen Corona gänzlich online stattfinden, ohne Kinovorführungen. Für den kommenden Jahrgang war eine Ausgabe komplett im Kino geplant – doch das Konzept musste zuletzt umgestellt werden. Jetzt findet das Festival hybrid statt, im Kino und online. Wie anstrengend ist das Reagieren eines Festivals auf eine sich ständig verändernde Lage?

BÖTTGER Es ist ziemlich anstrengend und auch kräftezehrender als im vergangenen Jahr, es ist ein Ausnahmezustand für das ganze Team. Wir leben ja schon länger mit der Pandemie, aber im Herbst kam nochmal die große Unsicherheit, in welche Richtung es sich jetzt entwickeln wird und wie sich das Konzept anpassen muss. Man muss wieder und wieder eine Extrameile laufen, aber das machen wir gerne, denn wir wollen das Festival in den Kinos sehen.

Wann war klar, dass eine reine Kino-Ausgabe nicht zu halten ist?

BÖTTGER Wir hatten uns im Sommer auf mehrere Szenarien vorbereitet. Bis zum Herbst schien klar, dass es zwar Beschränkungen geben würde, wir aber das Programm komplett im Kino zeigen könnten. Im Oktober hat sich die Lage weiter zugespitzt, da wusste man nicht mehr, wie die nächsten Wochen aussehen würden. Und im November war dann klar, dass wir Kino und Online anbieten müssen. Aber auch das blieb lange eine Zitterpartie, weil man nicht genau wusste, ob man im Januar auch in die Kinos kann.

Wenn es nochmal ganz schlimm käme – könnte das Festival notfalls auch nochmal komplett online ablaufen?

BÖTTGER Ja, aber das würden wir nur im äußersten Notfall tun – wenn die Kinos behördlich geschlossen würden oder wieder ein bundesweiter Lockdown käme. Denn Online ist nur ein Kompromiss, nicht der Sinn eines Filmfestivals. Die Filme und die Filmschaffenden gehören ins Kino, das ist unsere DNA. Wir möchten zeigen, dass es möglich sein muss, Kultur vor Ort zu erleben. Und wir wollen den Kinos etwas bieten in einer Zeit, wo wieder viele Filmstarts verschoben werden. Die Kinos haben es auch sehr schwer und müssen diese Zeit durchstehen.

Das Festival läuft in neun saarländischen Kinos – wie hoch kann deren Auslastung nach aktuellem Stand sein? Wie viele Karten zum Beispiel können Sie im Saarbrücker Cinestar anbieten? Dort laufen im Saal 1 Filme und Filmgespräche, die von dort in die anderen Kinos übertragen werden.

BÖTTGER Wir gehen von 50 Prozent im Schachbrettmuster aus, also mit Platz nicht zwischen Gruppen rechts und links, sondern zwischen jeder Person. Im Saal 1 des Cinestar wären das dann etwa 150 Menschen. Mit einer größeren Zahl in einem Raum fühlt man sich zurzeit nicht so wohl. Wir gehen außerdem von der 2Gplus-Regelung aus. In acht von neun Kinos sind wir ein reiner Kinobetrieb, dort können wir uns nach den Regeln der Kinos und den Erfahrungen der Kinobesitzerinnen und -besitzern richten.

Wie läuft das im Cinestar ab, wo nicht nur die Filme laufen, sondern auch die Filmgespräche stattfinden?

BÖTTGER Wir sind dort präsent mit jeweils einer Moderatorin und einem Moderator, dazu kommen zwei bis drei Gäste vom jeweiligen Filmteam zum Filmgespräch. Wir haben sogenannte „drone cameras“, die von der Regie aus geführt werden. Dadurch haben wir so wenig Technikpersonal im Saal wie möglich.

Wie groß ist der technische Aufwand – vor allem bei der Übertragung in die anderen Kinos?

BÖTTGER Der Aufwand ist groß, das Ganze ist doch recht komplex und für uns völlig neu – aber wir denken eben um die Ecke. Für uns ist das ein absolutes Novum, ich kenne kein anderes Festival in Deutschland, das das schon versucht hätte.

Wie wird die Eröffnung ablaufen?

BÖTTGER Sie wird bewusst eine sehr kleine Zeremonie sein, als Gäste kommen Ministerpräsident Tobias Hans und Saarbrückens OB Uwe Conradt, die etwas zur Rolle der Kultur in der aktuellen Situation sagen werden und natürlich zum Filmfestival. Stadt und Land sind die größten Unterstützer, sie versuchen, viel möglich zu machen.

Wie sieht die Unterstützung der anderen Sponsoren und Förderer aus?

BÖTTGER Die sind alle mit an Bord, was in diesen Zeiten nicht selbstverständlich ist. Einige haben ihre Unterstützung sogar erhöht, weil sie merken, dass wir uns coronabedingt finanziell in einer angespannten Lage befinden. Die Union Stiftung ist für dieses Ausnahmejahr groß eingestiegen, die GIU (Gesellschaft für Innovation und Unternehmensförderung) beispielsweise hat uns einen Raum für Vorverkauf hinter dem Bahnhof zur Verfügung gestellt, obwohl wir auch ein zweites Jahr nicht ins E-Werk kommen können.

Wie sieht diese finanzielle Anspannung aus?

BÖTTGER  Wir müssen ja im Grunde zwei Festivalstrukturen aufbauen. Die Online- beziehungsweise Hybrid-Struktur, die nicht billig ist, behalten wir bei. Hinzu kommt das physische Festival vor Ort, was wir neu denken mussten. Da könnte man dann gegenrechnen, dass wir in diesem Jahr kein E-Werk für eine Preisverleihung anmieten und ausstatten mussten. Aber unsere Online-Preisverleihung ist ebenfalls sehr arbeitsintensiv und erfordert viel Ausstattung, Technik und Personal. Da sitzen bis zu zehn Personen allein in der Regie und kümmern sich um alles – wir brauchen für zwei Strukturen viel Technik und Fachpersonal. Das macht das hybride Konzept aufwendiger und teuer. Umso glücklicher sind wir über die Unterstützung, die uns zuteil wird von allen Seiten.

Das Festival muss viel erklären in diesem Jahr, unter anderem mit den verschiedenen Tickets für Streaming und Kino.

BÖTTGER Ja, auf unserer Webseite erklären wir aber wirklich alles, sogar mit kleinen Anleitungs-Videos. Dreh- und Angelpunkt ist unsere Internetseite www.ffmop.de, da bekommt man alle Tickets, alle Informationen – und darüber läuft auch das Streaming-Angebot. Generell bitten wir unser Publikum, Tickets vor allem online zu kaufen, um Kontakte gering zu halten.

Starten die Wettbewerbsfilme online parallel zu ihrer Saarbrücker Kinopremiere?

BÖTTGER Das Streaming beginnt kurz nach Start der Kino-Premiere. Jeden Tag kommen so verschiedene Wettbewerbsprogramme im Streaming hinzu. Da es die letzten Premieren erst am 25. Januar gibt, einen Tag vor der Preisverleihung, wäre das zu wenig Raum für diese Filme, vom Publikum auch online gesehen zu werden. Deshalb läuft das gesamte Online-Angebot bis zum Sonntag, 30. Januar – je nach Verfügbarkeit.

Wie lange sind die Filmteams in Saarbrücken?

BÖTTGER Die bleiben für zwei Übernachtungen in der Stadt, bei Kurzfilmen kommen zwei, bei Langfilmen drei Leute. Sie reisen einen Tag vor der Premiere an, zeichnen abends Gespräche für unser Format „MOP-Festivalfunk“ auf, dann haben sie Premierentag und reisen am nächsten Morgen wieder ab.

Das Branchenprogramm MOP-Industry läuft diesmal komplett online ab?

BÖTTGER Ja, wir können in dieser Situation keine überregionalen Fachbesucherinnen und -besucher einladen. Diesmal geht es um das Thema Vernetzen, deshalb heißt unser Branchenprogramm in diesem Jahr MOP-Connect – da können wir auch online einiges umsetzen.

Zwei neue, undotierte Preise hat das Festival auch.

BÖTTGER Wir vergeben jetzt mit den Filmkritikverbänden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zwei Preise. Wir freuen uns sehr, dass die Verbände das mit uns ausloben – damit haben wir das Dreieck geschlossen: Es gibt die Publikumspreise, die Jurypreise und jetzt auch Kritikerpreise – da haben wir alle Blickwinkel auf einen Film zusammen.

Wie hat sich Corona auf die Filmproduktion ausgewirkt – gab es diesmal weniger Einreichungen?

BÖTTGER Es ist nicht so eklatant wenig, wie wir erst befürchtet hatten, es gab aber schon weniger. Im mittellangen und kurzen Film macht es sich nicht so bemerkbar wie bei den Langfilmen. Dort fällt es extrem im Bereich der freien Produktionen jenseits von TV-Sendern oder Kinoverleihen auf. Während des Sichtungsprozesses mussten uns einige Projekte wieder absagen oder ihre Einreichung zurückziehen, weil sie mit der Postproduktion nicht fertig wurden – entweder weil kein Geld mehr da war oder wegen Coronafällen im Team. Die Auswirkungen von Corona sind definitiv im Nachwuchsbereich angekommen. Vergangenes Jahr gab es da wegen der geschlossenen Kinos einen Filmstau, da blieben viele Produktionen auf der Strecke. Jetzt haben wir einen Stau in der Finanzierung – es wird leider extrem wenig Geld für den Nachwuchs freigemacht, es gibt wenig Anlaufstellen für die Finanzierung, und das wird noch schlimmer werden. Deshalb wird das Ophüls-Festival 2022 zusammen mit dem „Kuratorium junger deutscher Film“ ein dreiteiliges Forum veranstalten, um auf das Problem hinzuweisen. Wenn wir Nachwuchs und Innovation außen vor lassen, bekommen wir ein ganz großes Problem in der Filmbranche. Der Nachwuchs wird leider noch zu wenig als Innovationskraft wahrgenommen, man muss ihm finanzielle Möglichkeiten bieten, ihre Projekte zu realisieren und dafür neue Modelle finden.

Spiegelt sich das Thema Corona in den diesjährigen Festivalfilmen wider?

BÖTTGER Ja, aber nicht plakativ. Corona hat ja die Lupe auf Vieles gelegt: Wie leben wir in der Gesellschaft miteinander? Was bedeutet Solidarität? Wie geht jeder einzelne mit diesem Ausnahmezustand um? Wie verändert man sich? Wie verändern sich Beziehungen? Das ist im Programm sehr differenziert abgebildet. Unser Programm befasst sich damit, was gesellschaftlich wirklich wichtig ist – wir haben mit „Every­thing Will Change“ einen grandiosen Eröffnungsfilm über das Klima und die Zukunft der Welt, danach 27 weitere Kinotermine mit Premieren, die wir feiern wollen.

Sie haben die AG Filmfestival, die Arbeitsgemeinschaft der Filmfestivals in Deutschland mitgegründet. Wie ist die Stimmung unter den Festivals, was die Probleme durch Corona angeht?

BÖTTGER In der AG wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Filmfestivals leider bei den ganzen Corona-Bundeshilfen bis auf den Sonderfonds Kulturveranstaltungen bisher nicht berücksichtigt werden. Es gibt nach wie vor keinen „Neustart Kultur“-Posten für Filmfestivals. Man merkt, dass Filmfestivals in der Pandemie-Thematik auf Bundesebene noch wenig bis gar keine Unterstützung erfahren.

Kann sich das durch die neue Regierung ändern?

BÖTTGER Wir müssen schauen, was dieses Jahr bringt. Die Filmfestivals haben es ja schriftlich in den Koalitionsvertrag geschafft, was toll ist. Aber jetzt müssen wir dranbleiben und immer wieder daran erinnern, dass wir als erhaltenswert neben dem Kino eingeschätzt werden. Die Bundespolitik muss Filmfestivals und Kinos zusammendenken und beide gleichsam unterstützen.