Unverkrampft, kritisch und stolz

Trier. Der Trebeta-Saal im Städtischen Museum Simeonstift ist so überfüllt, dass die Eröffnungsreden nach draußen auf den Brunnenhof übertragen werden müssen. Mehrere Hundert Menschen wollen die Eröffnung der Karl-Marx-Installation des Nürnberger Künstlers Ottmar Hörl mitverfolgen. Und auch draußen an der Porta Nigra bilden sich am Samstag und Sonntag immer wieder Menschentrauben um die kleinen roten Marx-Figuren. Rund 200 sind am Sonntagmittag zum Stückpreis von 350 Euro schon verkauft oder vorbestellt, fünf wurden trotz Wachmannschaft schon geklaut. Die fehlenden werden nachgegossen und wiederaufgestellt, damit das Gesamtbild nicht leidet. Kinder toben zwischen den bärtigen Männlein hin und her, Rollstuhlfahrer umkreisen die Figuren, Touristen gruppieren die Plastiken so, dass sie besser fürs Gruppenfoto taugen - hier ist der unverkrampfte Umgang mit dem bekanntesten Trierer schon Realität. Genau den fordert derweil Gregor Gysi in seiner Eröffnungsrede ein. Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag zeigt erwartungsgemäß sein Redetalent, reißt Witzchen über die Größe der Figuren und seine eigene und kommt dann auf Marx zu sprechen. Er zählt ein Dutzend deutscher Geistesgrößen auf von Goethe bis Einstein - niemand aber sei weltweit so bekannt wie Karl Marx. Allein darauf dürften die Trierer schon stolz sein, sagt Gysi. Marx habe mit seinen Erkenntnissen "gigantische Weltbewegungen in Gang gesetzt", bei denen seine Lehren auch missbraucht worden seien. "Aber das kann man ihm ja nicht anlasten." Gysis Aufruf: Benennt die Uni um Man dürfe sich bei der Debatte über Marx nicht vom Missbrauch leiten lassen, aber auch nicht von seiner Ikonisierung, sagt Gysi. Die Menschen in Deutschland sollten sich "endlich öffnen und ein unverkrampftes Verhältnis zu Karl Marx" bekommen. "Es gibt keinen Grund für die Bürger von Trier, auf diesen Sohn ihrer Stadt nicht stolz zu sein", folgert Gysi und fordert die Stadt auf, angesichts des 200. Geburtstags von Marx in fünf Jahren noch einmal über die Umbenennung der Universität nachzudenken. Entsprechende Versuche sind in Trier bei Gründung der Uni in den 1970er sowie in den 1990er Jahren schon einmal gescheitert - Gysi beschert der Stadt damit also sicher noch einmal ein Debattenthema. Außerdem solle Trier sich darum bemühen, diesen 200. Geburtstag groß zu feiern, rät Gysi - ein Tipp, den Thomas Egger nicht gebraucht hätte, denn entsprechende Vorbereitungen liefen schon, sagt der Kultur- und Wirtschaftsdezernent Triers, der die Stadt bei der Eröffnung repräsentiert. Marx habe "mit seinem Schaffen die Grenzen dieser Stadt überschritten und Geschichte geschrieben", sagt Egger. Das werde vielen Menschen immer mehr bewusst, was auch der gute Besuch der parallel im Simeonstift laufenden Ausstellung "Ikone Karl Marx" zeige. Nach den Reden strömen die Gäste in den Brunnenhof, stoßen mit dem auch von Marx verehrten Moselwein an und erfreuen sich am strahlenden Sonnenschein, den Kulturstiftungschef Harry Thiele in Anlehnung ans Kaiserwetter als "Karl-Marx-Wetter" betitelt. Gelöste, unverkrampfte Atmosphäre auch hier - Künstler Ottmar Hörl spricht sogar von Volksfeststimmung.Extra Darf Linken-Politiker GregorGysi, letzter Vorsitzender der DDR-Staatspartei SED, in Trier über Marx sprechen? Das hat im Vorfeld seines Auftritts für Kritik des CDU-Bundestagsabgeordneten Bernhard Kaster gesorgt (der TV berichete). Bei der Eröffnung ist das nur am Rande Thema. Harry Thiele, Vorsitzender der Kulturstiftung Trier, sagt bei seinem Grußwort an Künstler Ottmar Hörl gerichtet: "Polarisierende Kunst ist das, was Spaß macht." Von daher sei "das, was Sie hier zeigen, vortreffliche Kunst". Nicht ganz klar wird, warum ausgerechnet noch der rheinland-pfälzische SPD-Generalsekretär Jens Guth sprechen darf, schließlich ist die SPD nur einer von vielen Projekt-Partnern. Auch Guth findet lobende Worte für die Installation und für Marx, der heute zwar nicht mehr als politischer Ratgeber tauge, aber "als Analytiker mit genauem Blick" die Realität beschrieben habe. mic