| 17:26 Uhr

Musik
A cappella mit Herz und Augenzwinkern

A cappella mit den „Alten Bekannten“: viel Freude auf und vor der Bühne.
A cappella mit den „Alten Bekannten“: viel Freude auf und vor der Bühne. FOTO: Dirk Tenbrock
Trier. Was die neue A-cappella-Formation Alte Bekannte aus dem schweren Erbe der Wise Guys macht, verdient das Lob und die Anerkennung des Publikums. Von Dirk Tenbrock

Wenn man gemeinhin auf alte Bekannte trifft, dann haben diese sich manchmal ganz schön verändert. Nicht etwa so, dass man sie nicht wiedererkennt, aber fremdeln, das kann passieren. So geschehen am Donnerstagabend in der alten Trierer Tuchfabrik (TuFa), als die 2017 gegründete Vokal-Gruppe „Alte Bekannte“ auf ihrer Debut-Tournee im großen Saal Station macht.

TuFa-Chefin Teneka Beckers ist stolz und froh, diesen aufstrebenden Stern am A-cappella-Himmel zu Gast zu haben: „Bald füllen die bestimmt wieder die Europahalle.“ Knapp 400 Zuschauer füllen den komplett ausverkauften TuFa-Saal, um die Nachfolge-Band der berühmten Wise Guys zu hören, diese hatten sich im Jahr 2017 nach einem guten Vierteljahrhundert aufgelöst. Drei der Schlaumeier (so wurden die Abiturienten nämlich von ihren Lehrern an einem Kölner Gymnasium betitelt) hatten aber keine Lust, mit der Bühnenmusik aufzuhören und hoben flugs eine neue fünfstimmige Gesangsformation aus der Taufe, die sie sinnigerweise Alte Bekannte nennen und sich damit bewusst in die Tradition der Wise Guys stellen.

Den Zuschauern jedenfalls – überwiegend langjährige Wise Guys-Fans, teilweise mit deren Tour-T-Shirts bekleidet – gefällt die neue Combo und deren Musik, die natürlicherweise dem alten Stil des Vokal-Pop mit sinnigen, deutschen Texten treu bleibt. So richtig eingegroovt haben sich jedoch noch nicht alle auf die neuen Alten Bekannten. „Weil die Lieder neu sind, noch keine Ohrwürmer“, sagen Mechtild und Diana, die aus dem Saarland angereist sind.

Mastermind ist Bariton Daniel „Dän“ Dickkopf, der all die humorvoll und tiefsinnig gereimten Texte geschrieben hat, die in der TuFa allerdings akustisch nicht immer einwandfrei zu verstehen sind. Dazu kommen Nils Olfert (Tenor) und Björn Sterzenbach (Bass) von der alten Schlaumeier-Mannschaft sowie als Neulinge Clemens Schmuck (Bariton) und Ingo Wolfgarten (Bariton). Beide spielten allerdings schon vorher in der musikalischen Champions-League, Schmuck bei der niederländischen Band Intrmezzo und Wolfgarten bei Gregor Meyle. À propos fremdeln: Auch die Band hadert anfangs ein wenig mit dem massiven Beschuss durch die Nebelmaschine, die für undurchschaubare Verhältnisse und eine gewisse Stickigkeit unter der niedrigen Decke sorgt. Das wiederum sorgt für hysterische Lachsalven im Publikum, Dän bricht daraufhin etwas befremdet seine ersten Moderationsversuche ab.

Noch haben sich Künstler und Publikum nicht gefunden, als sich jedoch mit den ersten Titeln das Vokal-Pop-Gewitter Bahn bricht, herrscht schnell wieder entspannte Konzertatmosphäre auf und vor der Bühne. Der Nebel verzieht sich vollends und die Bekannten singen das Lied von der ihnen eigenen Unprofessionalität. Sehr kokett der Titel, denn das kann man in der Qualität natürlich nur singen, wenn man eben sehr professionell ist. Meeresbrisen rauschen beim Nordsee-Lied, gefühlig-lustig wird es bei einem Song über Kinder, „Kleine Terroristen“ eben. Jeder der fünf übernimmt mal den Lied-Leadgesang, die anderen beatboxen mit Stimmbändern, Zunge, Mund und Nase, ein Fest für die Zuhörer und ob der organischen Anstrengungen wahrscheinlich auch für jeden Hals-Nasen-Ohrenarzt. Clemens Schmuck glänzt mit einem Percussion-Solo ganz ohne Instrumente; auch wenn mancher es nicht glauben mag, alle Musik wird nur mit den Stimmen erzeugt. Ernst wird es bei „Nur du allein“, worin Dän mutig seine eigene, überstandene Depression verarbeitet und für Verständnis für psychisch kranke Menschen wirbt.

Ein Kracher die Persiflage „Billig Jeans“ auf Michael Jacksons Melodie von Billie Jean. Ein Sakrileg? Mitnichten, das ist so intelligent und musikalisch wunderbar gemacht, dass das Tanzfieber ausbricht. Ebenso outet sich die Band verschmitzt als großer Fan aller Boygroups, die fragenden Blicke des Publikums werden dann aber mit einer großartigen Version von „Penny Lane“ von den Beatles (der besten „Boygroup“ aller Zeiten) beantwortet. So fliegen die zwei Stunden vorbei, gegen Ende sind die Zuschauer und vor allem die Sänger erst richtig warm, die Bekannten legen noch eine Schippe drauf und die 400 feiern sie dafür zu Recht.

A-cappella-Gesang erreicht – live gespielt- sicher nie die technische Perfektion von Studioaufnahmen, der Gesang ist bei dem neu gegründeten Quintett auch manchmal noch ein kleines bisschen schräg oder verwackelt, doch das wird durch Herz und Augenzwinkern mehr als wett gemacht.