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Abenteuer Archäologie: Karl Marx, die Mühle und der Marmorkopf in Trier

Abenteuer Archäologie: Karl Marx, die Mühle und der Marmorkopf in Trier

Wer in Trier Geschichte ausgraben will, muss nicht in die Tiefen der Römerzeit vordringen.

Joachim Hupe ist Referent für Stadtarchäologie in Trier. Wenn irgendwo im Stadtgebiet Grabungen anstehen, ist sein Organisations- und Koordinationsgeschick gefragt. "Trier ist ein Eldorado für jeden Archäologen", schwärmt der Altertumsforscher, der seit 2004 im Landesmuseum arbeitet. Doch nicht nur die Zeugnisse aus der Römerzeit begeistern Hupe. "Spätestens seit den 1990er Jahren treten auch das Mittelalter und die neuzeitlichen Epochen verstärkt in den Fokus der archäologischen Denkmalpflege." Das sei auch ein Verdienst von Lukas Clemens. Der habe vor seiner Professur für mittelalterliche Geschichte an der Universität Trier die Aufmerksamkeit auf die Dinge gelenkt, die nicht Jahrhunderte, sondern Jahrzehnte zurückliegen.

Als aktuelle Beispiele nennt Hupe die barocken Mauern an der Römerbrücke, die bis Anfang der 60er Jahre offen lagen, nun aber bei den Untersuchungen für den Gestaltungswettbewerb der Brücke neu erforscht wurden. Der Kustos für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Sammlung im Landesmuseum kann sich auch für die jüngere Geschichte des Herrenbrünnchens begeistern. Der vielleicht älteste Brunnen Triers sei in jedem Jahrhundert umgebaut und häufig mit neuen Stollenleitungen versorgt worden, die zum Teil bis heute begehbar seien. Das habe Grabungsleiter Bruno Kremer erforscht.

Ein Relikt aus der jüngeren Geschichte Triers, mit dem Joachim Hupe derzeit intensiver beschäftigt ist, hat auch mit Karl Marx zu tun, dessen 200. Geburtstag im kommenden Jahr mit großem Aufwand gefeiert wird. Die umstrittene Bronze-Statue des chinesischen Künstlers Wu Weishan soll am Rande des Simeonstiftplatzes aufgestellt werden. Insgesamt 5,50 Meter lang und entsprechend schwer wird sie mit Sockel sein. Deshalb muss der etwa ein Meter hohe Sockel knapp zwei Meter tief gegründet werden. Denn einen windschiefen oder gar umfallenden Marx kann sich angesichts der erwarteten Besucherströme niemand erlauben.

Karl Marx und die neue Statue will Archäologe Hupe öffentlich nicht bewerten. "Allerdings freue ich mich, dass wir dadurch die Möglichkeit haben, einen Teil der historischen Mühle zu erforschen, die bis 1905 dort stand."

Die Ursprünge der Mühle reichen bis in die Gründungszeit des Klosters St. Simeon um das Jahr 1040. Die ersten urkundlichen Belege datieren auf das frühe 15. Jahrhundert. Noch auf einem von dem Trie-rer Denkmalpfleger Friedrich Kutzbach im Jahr 1928 erstellten Plan des unter Napoleon verweltlichten Klosterbaus ist die Mühle verzeichnet, die mit dem Wasser des Weberbachs gespeist wurde, dessen seit 1820 abgedeckte Zuleitung bis heute zu erkennen ist.

Touristen, die während der Grabungsarbeiten auf ihrem Weg vom Parkplatz der Reisebusse zur nahen Porta Nigra über den Simeonstiftplatz flanieren, werfen neugierige Blicke in die von Kunststoff-Sperrgittern umzäunte Grube. In der ersten Zeit der Grabung sehen sie Kalksteinplatten aus dem 19. Jahrhundert, das grobe Pflaster aus dem Jahrhundert davor und einen zerbrochenen Mühlstein, der als Bodenbelag für den Arbeitsraum diente, der an dieser Stelle lag. Eine Woche später, als die Archäologen einen Meter tiefer gegraben haben, erschließen sich die mittelalterlichen Strukturen des Gebäudes. Jede Schicht wird mit Fotos und von Zeichner Günther Weiler akribisch dokumentiert, denn erhalten bleibt davon wenig.

"Wir stoßen fast bei jeder Baumaßnahme in Trier auf mittelalterliche Keller", sagt Hupe, der mit seinen Untersuchungen zu einem Trümmergrundstück aus dem Zweiten Weltkrieg nahe den Kaiserthermen auch in der Landesausstellung "vorZEITEN" in Mainz vertreten ist, die bis Januar verlängert wurde. Dort hatten Archäologen nach 71 Jahren mehr als 300 verschüttete Gebrauchsgegenstände und Erinnerungsstücke der damaligen Besitzerfamilie ausgegraben und der Erbin zurückgegeben.

Eine solche Chance wird bei der alten Mühle nicht bestehen, deren Gebäude sich einst noch deutlich weiter auf dem heutigen Platz ausgebreitet haben. Auch diesen Teil der Geschichte zu erforschen wird sich in den nächsten Jahren nicht ergeben. Aber für die Archäologen wird es in Trier dennoch nie langweilig. Als Beweis zeigt Hupe in seinem Büro mit Stolz einen spektakulären Fund aus jüngster Zeit: Bei der Sanierung des Moseldamms in Zurlauben wurde ein nach römischem Vorbild gefertigter Kopf aus Marmor gefunden. "Wir wissen nicht, woher er stammt", sagt Hupe. Aber wir werden einen schönen Platz für ihn finden.Extra: Landesausstellung "vorZEITEN"

Abenteuer Archäologie: Karl Marx, die Mühle und der Marmorkopf in Trier
Foto: Roland Morgen
 Jeder Stein wird aufgezeichnet: Landesarchäologe Joachim Hupe bespricht mit Grabungsarbeiter Dietmar Ludwig (rechts) erste Funde am Simeonstiftplatz.
Jeder Stein wird aufgezeichnet: Landesarchäologe Joachim Hupe bespricht mit Grabungsarbeiter Dietmar Ludwig (rechts) erste Funde am Simeonstiftplatz. Foto: Rainer Neubert
 Joachim Hupe zeigt auf die phrygische Mütze, die diesen scheinbar römischen Marmorkopf auf den Beginn des 19. Jahrhunderts datieren lässt.
Joachim Hupe zeigt auf die phrygische Mütze, die diesen scheinbar römischen Marmorkopf auf den Beginn des 19. Jahrhunderts datieren lässt. Foto: Rainer Neubert
 Wer kennt diese Pavillons? Dieses historische Foto aus dem Jahr 1926 zeigt die Front der Lauben am Zurlaubener Ufer mit einem freigelegten Treppenaufgang. Damals wurde der Moseldamm aufgeschüttet, in dem Archäologen in diesem Jahr den Marmorkopf nach römischem Vorbild gefunden haben.
Wer kennt diese Pavillons? Dieses historische Foto aus dem Jahr 1926 zeigt die Front der Lauben am Zurlaubener Ufer mit einem freigelegten Treppenaufgang. Damals wurde der Moseldamm aufgeschüttet, in dem Archäologen in diesem Jahr den Marmorkopf nach römischem Vorbild gefunden haben. Foto: Städtische Denkmalpflege Trier

Zum 70. Geburtstag des Landes zeigt eine große Ausstellung in Mainz die Bandbreite dessen, was die heimischen Altertumsforscher in den vergangenen sieben Jahrzehnten entdeckt haben. "vorZEITEN - Archäologische Schätze an Rhein und Mosel" ist der Name der Schau, die bis zum 7. Januar 2018 im Landesmuseum in Mainz zu sehen ist. Sie wurde gerade um zweieinhalb Monate verlängert. Die Ausstellung zeigt spektakuläre Funde und einmalige Exponate von den erdgeschichtlichen Anfängen bis in die Gegenwart. Es ist ein Streifzug durch 800 000 Jahre Menschheitsgeschichte. www.vorzeiten-ausstellung.de

Im nächsten Teil unserer Serie "Abenteuer Archäologie" schauen wir den Archäologen der Universität Trier über die Schultern. Zahlreiche weitere Texte, Videos und Fotos zu unserer Serie finden Sie unter www.volksfreund.de/vorzeiten