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Abschied von der Welt

Abschied von der Welt

LUXEMBURG. Ein amerikanischer Klangkörper, der einst durch eiserne Disziplin zum Weltorchester wurde, spielt in der Luxemburger Philharmonie Mahler. Streng, gläsern strukturiert, mit unerbittlicher Härte? Dirigent Franz Welser-Möst enttäuscht solch klischierte Erwartungen.

Es ist ein verhaltener Beginn - ja, einer, der unentschieden und fast beiläufig wirkt. Aber der ist nicht Mangel, sondern Konzept. Wenn sich in den ersten Takten von Gustav Mahlers neunter Sinfonie die Motive zusammenfügen wie zu einem Puzzle, dann sucht Franz Welser-Möst den vorsichtigen, tastenden Einstieg und steuert den ersten Höhepunkt sorgfältig und ohne demonstrative Dramatik an. Trotz des groß besetzten Klangkörpers, mit 18 ersten Geigen und neun Kontrabässen - der Chefdirigent des Cleveland-Orchestras verlegt sich nicht auf orchestrale Effekte, nicht auf glasklare Strukturierung, sondern lässt Melodielinien atmen, glättet harsche Tempo- und Lautstärkebrüche, übersetzt Ausdrucksbezeichnungen wie "höchste Kraft" oder "mit größter Gewalt" in einen milderen Stil. Mahler wird zum Meister des kleinsten Übergangs. Etwas Österreichisch-Verbindliches durchzieht die Interpretation, eine Mischung aus Ausdruckswillen und Freundlichkeit. Transparent und organisch

Der Dirigent setzt im Kopfsatz tiefe Ruhepunkte, lässt ihn atmen, fächert im zweiten Satz den Klang auf - transparent und organisch zugleich, gibt der Rondo-Burleske nicht so sehr den von Mahler vorgeschriebenen Trotz mit, sondern einen fast pointillistischen Farbenreichtum. Der kommt in der Luxemburger Philharmonie mit ihrer warmen und transparenten Akustik eindrucksvoll zur Geltung. Und das wunderbare Orchester aus Amerika, vor allem die großartige Hörnergruppe, reagiert ungemein flexibel, lässt die Farben leuchten und die Linien atmen. Zum Schluss - nach einem herrlich sensibel, mit großem Ton musizierten, von allen Plumpheiten und Verdickungen freien Finalsatz - das Ereignis schlechthin in diesem Konzert. Ein Ausklang mit einer unüberbietbaren "Adagissimo"-Spannung. Welser-Möst reduziert das Tempo hörbar bis an die Grenze des Spielbaren. Aber der Abschnitt zerfällt nicht. Und die Streicher geleiten die Musik mit einer Ausdruckstiefe und einer leisen Intensität sondergleichen in den schattenhaften, "ersterbenden" Schlussakkord. Welch ein bewegender Abschied von der Welt! Die "Chamber Symphonie Nr. 2", die der Brite Thomas Adès im Jahr 1990 schrieb, und die das Konzert einleitete, verhält sich zu Mahler wie ein sorgfältig formuliertes Vorwort. Adès hat Elemente der Mahlerschen Tonsprache ins späte 20. Jahrhundert transponiert. Hat, in kleiner Besetzung und mit deutlich moderner, die Atonalität streifender Harmonik, jenes Sich-Zusammenfügen und Auseinanderfallen von Motiven nachvollzogen, das Mahlers Neunte so eindringlich macht. Hat im Bläsersatz Mahlersche Farbmischungen gefunden und entwickelt zwischen Hornquinten-Romantik und Jazz-Rhythmen ein breites Stil-Spektrum. Eine vielfältige, eine gehaltvolle, eine sorgfältig disponierte und glänzend instrumentierte Komposition.