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Abschluss und Aufbruch

Letzter Auftritt im Trierer Dom: Der scheidende Domkapellmeister Stephan Rommelsbacher (links) führt die Mitglieder des Domchores, der Cantores Treverensis und des Barockorchesters L'arpa festante durchs Konzert. Im Vordergrund die Solisten Monika Mauch (Sopran), Terry Wey (Countertenor) und Hans Jörg Mammel (Tenor). TV-Foto: Rolf Lorig
Letzter Auftritt im Trierer Dom: Der scheidende Domkapellmeister Stephan Rommelsbacher (links) führt die Mitglieder des Domchores, der Cantores Treverensis und des Barockorchesters L'arpa festante durchs Konzert. Im Vordergrund die Solisten Monika Mauch (Sopran), Terry Wey (Countertenor) und Hans Jörg Mammel (Tenor). TV-Foto: Rolf Lorig
Trier. Für Stefan Rommelspacher ist es ein glanzvoller Abschied gewesen. Etwa 1000 Besucher im voll besetzten Trierer Dom feierten den scheidenden Domkapellmeister ausgiebig. Der gab mit Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll seiner 13-jährigen Amtszeit einen würdigen Abschluss. Martin Möller

Trier. Einen Moment lang wirken die ersten Chor-Akkorde im Trie rer Dom, als sei mit ihnen schon alles gesagt. Aber dann setzt das Instrumentalensemble L\'arpa festante im "Kyrie" von Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe neue Akzente. Die Oboen führen, aber sie decken das Streicher-Filigran nicht zu. Das Orchester kultiviert einen subtilen Kammerstil, in den sich die Solisten vorzüglich einfügen: Monika Mauchs schlanker, sorgfältig geführter Sopran harmoniert im "Laudamus" perfekt mit dem zarten Streicherklang. Hans Jörg Mammels schmaler Tenor verbindet sich im "Benedictus" überzeugend mit der beweglichen Soloflöte und der kantablen Continuogruppe.
Gesungenes Gebet


Andreas Prouys gelingen die völlig unterschiedlich liegenden Bass-Arien so brillant, dass sein Ausstieg am Ende der zweiten Arie kaum der Rede wert ist. Und Terry Weys Countertenor entfaltete im "Benedictus" eine wunderbar stille Innigkeit - fast ein gesungenes Gebet - und die Streicher zeichnen die ausdrucksvollen Klangfiguren der Partitur nuanciert nach.
Und dann der Chor: Dirigent Stefan Rommelspacher strukturiert das große "Kyrie" zu Beginn sorgfältig, zielt aber nicht einseitig auf Barockrhetorik. Die Musik fließt mit weiten Gesten, mit ruhigem Atem und immer mit der Klangkraft des großen Chors - wirklich eine "Hohe Messe". Da klingt eine subtile Katholizität mit. Über manches ließe sich streiten - wollen "Credo" und "Confiteor" mit ihrem gravitätischen "stile antico" wirklich so beschwingt musiziert werden, dass sie fast erinnerungslos vorbeirauschen? Aber wenn Bach dann die Auferstehung der Toten beschwört, leise, zagend und mit einer Harmonik, die aus dem "Tristan" stammen könnte - bei diesem bangen Bekenntnis finden der Dirigent und sein Chor genau den zweifelnden und doch hoffnungsvollen Tonfall dieser Musik.
Unlösbarer Konflikt


Kammerstil und oratorische Wucht - bei Bach geraten diese Dimensionen bisweilen in einen vielleicht unlösbaren Konflikt. Die Chorfülle spiegelt die Oratorienkraft dieser Musik, aber sie überdeckt auch Wichtiges im Orchester, etwa die Streicher im "Credo". Es gehört zu den Rätseln um diese Messe, warum Bach auf die Realisierung so wenig Rücksicht nahm.
Rommels pacher und mit ihm Matthias Balzer, der Leiter der Aufführung in Saarbrücken am Samstag, versuchen nicht zu glätten, sondern stellen sich diesem Problem. Sie setzen die Oratorienkraft des Chors bewusst neben das Kammermusik-Filigran von Orchester und Solisten. Und zeigen dabei: Bachs letztes Werk ist kein kompositorisches Machtwort. In ihm manifestiert sich der suchende, experimentierende Musiker, der Altes immer wieder aufgreift und neu formuliert. Diese Messe ist Abschluss und Aufbruch zugleich. Das mag für den scheidenden Domkapellmeister auch so etwas sein wie ein Symbol.