Abtauchen in eine Zauberwelt

Abtauchen in eine Zauberwelt

TRIER. Es müssen nicht immer spektakuläre Groß-Ereignisse sein, die für bemerkenswerten Kunstgenuss sorgen. Manchmal genügt es auch, wenn in kleinem Rahmen alles ideal zusammenpasst: Interpret und Publikum, Instrument und Raum, Repertoire und Atmosphäre.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Architekt Oswald Ungers beim Bau des Thermenmuseums an Harfenkonzerte gedacht hat. Und doch klingt das Saiteninstrument unter der monumentalen Glas-Vitrine, als sei sie eigens für diesen Zweck errichtet worden. Wenn dann eine Interpretin wie Charlotte Balzereit feinste Klanggewebe spinnt, taucht man unwillkürlich ab in eine Zauberwelt, die kein anderer Klangkörper so magisch erzeugen kann wie die Harfe. Balzereit ist erst 23 Jahre alt. Mit 14 alle Preise gewonnen, mit 16 Musik studiert, mit 20 die erste CD, mit 21 Solo-Harfenistin bei den Wiener Philharmonikern, mit 22 der erste Lehrauftrag an der Musikhochschule. Das nennt man wohl eine Wunderkind-Karriere. Dabei wirkt sie unprätentiös, erklärt zwischendurch schon mal locker, wie eine Harfe funktioniert. Kein Diven-Gehabe, nicht einmal Blumen zum Schluss - da war der Veranstalter Villa Musica zusammen mit den Moselfestwochen vielleicht etwas zu asketisch. Nimmt man die attraktive Erscheinung hinzu, dürfte die junge Harfenistin genau das sein, wonach eine darbende Musik-Industrie hungert. In Köln präsentierte man sie in der Reihe "Rising Stars". Bald wird sie, die Prognose fällt nicht schwer, in Talkshows und auf Titelseiten zu sehen sein. Hoffentlich wird man dann auch über ihre musikalische Kompetenz reden. Die staunenswerte Breite des Repertoires beispielsweise, von der Romantik Louis Spohrs über die Melancholie eines Gabriel Fauré und Klassiker der Moderne wie Benjamin Britten bis zu den Klangkonstruktionen der Chinesin Wang Fei. Didaktisch klug baut sie das im Konzert auf, lässt Gefälliges und Anstrengendes abwechseln. Balzereits Technik ist brillant, aber das versteht sich fast von selbst. Sensationell ist die emotionale Tiefe, die sie den Stücken entlockt, und der Reichtum an Ausdrucksmitteln. Die Harfe wird gestreichelt und gekitzelt, gezupft und geschlagen, verführt und entfesselt. Und das Publikum geht verzaubert mit. Wenn da nur nicht das Erwachen wäre. In die letzten Töne plärren Wortfetzen vom Viehmarkt-Palaver, ein Auto lässt die Bremsen quietschen, und der verträumte Blick nach oben endet an der heruntergekommenen Fassade des ehemaligen Bürohauses Lehr. Zum Glück kommt eine Zugabe. Und man kann noch einmal träumen.

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