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Adlige und andere Schurken

Adlige und andere Schurken

Musikalisch "very british" startet das Théâtre de la Ville in die Spielzeit: Für seinen Amtsauftakt hat der neue Intendant Tom Leick-Burns eine Operette von Gilbert &Sullivan ausgewählt: "The Pirates of Penzance", inszeniert vom Filmregisseur Mike Leigh.

Luxemburg. In Europa sind sie nie so richtig angekommen, der britische Komponist Arthur Seymour Sullivan (1842-1900) und der Li-brettist William Schwenk Gilbert (1836-1911). Bis heute ist es den Werken des vor allem in Großbritannien populären Autorengespanns nicht gelungen, sich auf dem Kontinent einen Platz neben "Fledermaus" oder "Lustiger Witwe" zu sichern.

Und das, obwohl Sullivan einen glühenden Verehrer in Deutschland hatte: Prinz Wilhelm, der nachmalige Kaiser Wilhelm II. Er kannte die Opern und Operetten in- und auswendig und wusste seine Briefe an den Komponisten mit Zitaten aus den Libretti zu spicken. Auch für die Briten, die, bei allem Respekt, in musikalischer Hinsicht nicht zu den ergiebigsten Nationen gehören, sind G & S die ungekrönten Könige der populären Bühnenunterhaltung. 25 Jahre und 15 Werke lang, von 1871 bis 1896, war das Kürzel ein Garant für beste Unterhaltung: intelligent, geistreich, ironisch, bissig. Mit einem Bein standen sie am Rande des Absurden, mit dem anderen mitten in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die sie erbarmungslos aufs satirische Korn nahmen.

Genau das aber ist es, was ihnen im nichtenglischsprachigen Ausland den Weg auf die Bühnen verbaut hat. Während die Musik den Vergleich mit kontinentalen Operetten nicht zu scheuen braucht, sind Gilberts "wit" (mit "Witz" nur unzureichend übersetzt) und seine aberwitzigen Sinnverdrehungen und Textspielereien, seine sarkastischen Seitenhiebe auf Zeitgenossen und Zeiterscheinungen (noch eine Verständnishürde für heutige Theaterbesucher) kaum in andere Sprachen zu übertragen.

Dass G & S über einen so langen Zeitraum erfolgreich waren, ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Herren einander nicht besonders grün waren und am Ende eine eisige Feindschaft pflegten, so dass sie ihre Werke nur noch per Briefverkehr zustande brachten.

Was Eitelkeit und Selbstbewusstsein angeht, standen der Librettist und der Komponist sich freilich in nichts nach. Gilbert war nach einigen erfolgreichen satirischen Gedichten angetreten, Shaw und Wilde mit Theaterstücken Konkurrenz zu machen. Rund 50 Mal hat er es versucht - aber keines seiner Dramen ist heute der Literaturgeschichte auch nur eine Fußnote wert. Auch Sullivan, der in Leipzig Musik studiert hatte, wäre gern ein britischer Beethoven geworden, aber weder sein Cellokonzert noch seine einzige Sinfonie in E-Dur ("Irish") haben ein treues Publikum gefunden.
Auftritt Richard D'Oyly Carte: Der Londoner Theatermanager suchte zur Einweihung seines Royalty Theatre 1875 einen zweiten Einakter neben Offenbachs "Périchole". Gilbert hatte ein fertiges Libretto in der Schublade, d'Oyly Carte schlug Sullivan als Komponist vor - der Rest ist Geschichte. Sechs Jahre später baute D'Oyly Carte den beiden ein eigenes Haus: das Savoy Theatre, das bis heute bespielt wird, war 1881 das erste mit elektrischer Bühnenbeleuchtung und Schauplatz der größten G & S-Erfolge.

Dennoch versuchte Sullivan stets, sich an seinen Kollegen vom Kontinent zu rächen. In seinen Arien, Duetten, Ensemble- und Chorszenen wimmelt es von Anspielungen und Zitaten aus Werken von Gounod und Bellini, Meyerbeer, Wagner und Verdi. Berühmtestes Beispiel ist der Piratenchor aus "The Pirates of Penzance" von 1879, der auch als Ouvertüre herhalten muss: eine kaum verdeckte Travestie auf Verdis "Troubadour"-Zigeuner, die mitten hineinführt in das groteske Treiben kornischer Freizeitpiraten, bei denen es sich um flüchtige Adlige handelt (siehe Extra).
Mit eben diesen Piraten gibt Luxemburgs neuer Intendant Tom Leick-Burns seinen Einstand im Grand Théâtre. Die Inszenierung hat Mike Leigh für das English National Theatre besorgt, jener Regisseur, den man im Ausland eher als prominenten Vertreter des New British Cinema kennt, das ihm einige seiner besten sozialkritischen Filme verdankt ("Life is Sweet", "Nackt", "Lügen und Geheimnisse", "Vera Drake").

Wenn "The Pirates of Penzance" auch Leighs erster Operettenausflug auf die Theaterbühne ist, so hat er sich mit deren Schöpfern schon intensiv befasst: 1999 drehte er "Topsy Turvy", eine Art Biopic über G & S. Die "Piraten" gehören allerdings nicht zu Leighs Lieblingsstücken; bei der Auswahl für seine Inszenierung am English National Theatre folgte er rein pragmatischen Gründen, sonderte aus, was in anderen Theatern kurz zuvor inszeniert worden war und ließ die allzu unbekannten Werke außen vor: "Also haben wir uns für die ,Piraten' entschieden. Die Geschichte ist irrsinnig komisch - wenn auch vollkommen hanebüchen - und die Musik einfach herrlich." Dem ist nichts hinzuzufügen.
"The Pirates of Penzance", Grand Théâtre, Freitag, 16. Oktober, 20 Uhr, Sonntag, 18. Oktober, 17 Uhr. Karten: 00352/4708951, info@luxembourgticket.luExtra

Aufgrund eines Hörfehlers seiner tauben Amme wurde Frederic als Kind nicht bei einem "pilot" (Steuermann), sondern bei einem "pirate" in die Lehre gegeben. Mit 21 will er in die ehrbare Gesellschaft zurückkehren, wird dann aber wohl seine Ausbilder als Rechtsbrecher bekämpfen müssen. Gleichzeitig verliebt er sich in Mabel, Tochter eines Generalmajors. Frederic erfährt jedoch, dass er am 29. Februar eines Schaltjahres geboren wurde, also gerade fünfeinviertel Jahre alt ist und weitere 63 Lehrjahre vor sich hat. Als Sklave der Pflicht bleibt ihm nichts anderes übrig, als bei den Piraten zu bleiben. Die sind jedoch Adlige aus dem Oberhaus, die vom Politikerleben gelangweilt waren. no