Aktuell ohne Aktualisierung

Aktuell ohne Aktualisierung

Beeindruckendes Schauspielertheater, präzise Charakterporträts, wenig Schnörkel und Folklore: So begeistert das Hamburger St.-Pauli-Theater die Besucher im Grand Théâtre in Luxemburg mit dem Musical "Anatevka".

Luxemburg. Im Grunde ist alles minimalistisch an dieser Produktion: ein kleiner, schnell handhabbarer Bühnenaufbau, eine gerade mal sechsköpfige, aber wunderbar aufspielende Kapelle, eine aufs Wesentliche konzentrierte Handlung. Üppig ist nur die Schauspielkunst der Akteure - also das, worauf es ankommt.
Keine Musical-Materialschlacht mit Ballett und Statisterie hat Regisseur Ulrich Waller da auf die Bühne gebracht, sondern das Porträt einer untergehenden kleinen Welt um 1900. Auf lauschige jiddische Folklore samt putzigem Akzent wird ebenso verzichtet wie auf politische Überhöhungen. Dass es sich in dem kleinen ukrainischen Dorf um ein jüdisches Milieu handelt, ist ohnehin eindeutig, es wird nicht weiter ausgewalzt.
Notwendig oder überkommen?


Da ist auch nichts zu aktualisieren, vielleicht deshalb, weil das Thema des Stücks schon aktuell genug ist. Es geht um Umbrüche, um den Verlust von Traditionen, die die alte Generation als lebensnotwendig, die jüngere Generation aber als überkommen einstuft.
Gustav Peter Wöhler spielt mit unglaublicher Genauigkeit, aber ohne jede Über-Interpretation den Milchmann Tevje, dem die Rolle als Familienpatriarch unaufhaltsam entgleitet. Einerseits hat er sich augenzwinkernd mit dem Verlust seines Status\' abgefunden, andererseits aber ist er wirklich ratlos, manchmal auch wütend. Seine einseitigen Dialoge mit Gott bewegen sich permanent an der Grenze zwischen selbstironischem Flachs und echtem, schmerzvollen Hadern.
Tanz auf schmalem Grat


Wöhler tanzt virtuos auf diesem schmalen Grat zwischen Spaß und Ernst, reißt das Publikum mit in seine Stimmungsschwankungen. Einerseits ist er klug genug, um zu erkennen, dass es sinnlos ist, sich den Veränderungen der Welt in den Weg zu stellen. Andererseits hat er Angst vor den Folgen: "Lässt man der Welt ihren Lauf - wo hört das auf?" Was Tevje singt, könnte auch das Motto einer Plasberg-Sendung zum Thema Computernutzung oder Homo-Ehe sein.
Seine manchmal esoterische, aber sonst fest im Leben stehende Ehefrau Golde (Adriana Altaras), die selbstbewussten Töchter, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen, die Schwiegersöhne in spe, die Heiratsvermittlerin Jente (Angelika Bartsch): lauter fein besetzte, durchdachte Rollen, die sich da um Tevje gruppieren. Dessen skeptische Toleranz überwindet die Schranken von Klassen und Politik viel leichter als die seiner Religion - auch da ist "Anatevka" aktuell ohne Aktualisierung.
Am Ende werden die Juden vertrieben, wie so oft. Aber selbst da verzichtet Regisseur Waller auf große Fanale. Man geht leise, und mit jenem bitteren Optimismus, der Verfolgte überleben lässt. Standing Ovations.