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Alle Jahre wieder an der Esso-Säule

Alle Jahre wieder an der Esso-Säule

Vorweihnachtliche Bescherung im Grand Théâtre: "Nacht-Tankstelle", ein wunderbarer Lieder(-Heilig)abend von Franz Wittenbrink, zum Heulen traurig, zum Schlapplachen witzig, intelligent, philosophisch, brillant gespielt und gesungen. Und eine Hommage an Lieder aller Art, von Franz Schubert bis Jan Delay.

Luxemburg. Der Hamburger Künstler Franz Wittenbrink hat eine eigene Kunstform erfunden. Er erzählt Geschichten in Liedern. Mit wenig Text, viel Atmosphäre, so wie begnadete Zeichner fast ohne Worte eine Bildergeschichte erzählen können.
Dass er sich offenbar in allen Genres und Zeiten auskennt, liefert ihm ein schier unerschöpfliches Repertoire und eröffnet die Chance, nicht immer auf das Naheliegende, Simple, Klischeehafte zurückgreifen zu müssen. Von Schubert bis Tom Waits, vom Deichkind-Rap bis Michael Jackson, vom neapolitanischen Lied bis zum "Ideal"-Hit aus der Neuen Deutschen Welle reicht das Spektrum. Das alles intelligent kombiniert, fröhlich gegen den Strich gebürstet, lustvoll an den Grenzen zum Kitsch einerseits und zum Sarkasmus andererseits entlang streifend. Kein Wunder, dass die deutschen Theater Wittenbrinks Kreationen reihenweise auf die Bühne bringen - in Trier war sein "Männer"-Abend einer der größten Erfolge der vergangenen Jahre.
Verlorene, aber keine Verlierer


Nun also der Heiligabend an der Tankstelle. Zehn verlorene Menschen, die statt unterm Weihnachtsbaum bei Esso gelandet sind. Und doch keineswegs lauter Loser: Der Philosophie-Professor, den seine angetraute Öko-Terroristin aus dem Haus getrieben hat, der Hip-Hop-Proll aus gutem Hause, die aus der Seniorenresidenz entwischte Rollator-Tina-Turner mit Gedächtnislücken, die rotzige Punkerin, die so gern ein Weihnachtsengel wäre, der gestrandete Seemann, dessen Deckel jetzt Hartz IV zahlt.
Sehnsucht nach kleinem Glück


Alles punktgenau skizzierte Charaktere, fabelhaft gespielt und gesungen von einer Darstellertruppe um den großen alten Peter Franke, die stimmstarke Sabine Maria Reiß, den Wortakrobaten George Meyer-Goll. Ob Victoria Fleer, Rolf Claussen, Tim Reingruber, Anne Weber: Da passt alles. Liebevoll nimmt man sich der Figuren an, ihrer Angst davor, sich an Heiligabend als Spießer zu entpuppen - aber auch ihrer sorgsam verborgenen Sehnsucht nach dem kleinen Vorstadt-Glück, die zuweilen aus der rauen Schale hervorbricht. Sehnsucht nach White Christmas, Bachs weihnachtlichem Jauchzen und Frohlocken oder Led Zeppelins "Stairway to heaven".
Es gibt auch echte Geniestreiche: Wenn Eva Cassidys "Autumn Leaves" als traurig-groteskes Abschiedslied einer lebensmüden Investment-Bankerin daherkommt oder "Junge" von den Ärzten plötzlich aus dem Blickwinkel eines aggressiven Vaters gesungen wird. Da sitzt dann Franz Wittenbrink mit seiner gut aufgelegten, flexiblen fünfköpfigen Band auf dem Tankstellendach und beobachtet vom Klavier aus mit sichtlichem Vergnügen, wie sich das Luxemburger Publikum von Minute zu Minute mehr aufwärmt - und das Ensemble am Ende gar nicht mehr von der Bühne lassen will.