Alles auf Schwarz!

Dafür, dass sie längst tot sein soll, läuft sie noch ganz schön rund: Während immer weniger CDs verkauft werden, erlebt die Vinyl-Schallplatte eine kleine Renaissance - wenn auch mit sehr überschaubarem Marktanteil. Der TV hat in Trier auf einer Schallplattenbörse nachgehört, was den Reiz ausmacht.

Trier. Ein Schuss löst sich. Wuschel sackt zu Boden. Wer einmal den Kinofilm "Sonnenallee" (1999) gesehen hat, eine Schmonzette über eine DDR-Jugend im Jahr 1973, wird sich vielleicht an diese Szene erinnern. Die nächste Einstellung zeigt: Wuschel lebt. Die Kugel traf nicht das Herz des Jungen, sondern nur seine Liebe. Das Rolling-Stones-Doppelalbum "Exile on Main Street", gerade auf dem Schwarzmarkt erhalten: zersplittert, kaputt, ein Ende in Klangschnipseln.

Schallplatten retten heute kein Leben mehr. Die DDR ist Vergangenheit, der Film nur Fiktion. Und vor allem: Vinyl ist tot! Sollte längst beerdigt sein. Diese Endlosplatte hat zumindest jahrelang die Musikindustrie aufgelegt. Seit kleine digitale Silberscheiben ab Mitte der 80er die analoge Schallplatte beerbt haben. Vinyl - das sollte der Stoff für die Gestrigen sein, für die Technikfeinde, die nur zu jung waren, auch noch der ollen Schellack-Scheibe nachzuweinen. So weit die Theorie.

"CDs kauft doch kein Mensch mehr", sagt Dirk Hamelmann, Plattenhändler aus Dortmund, und winkt rüber zum Nachbartisch. "50 Prozent auf alle CDs" steht dort in dicken Lettern. Aber kein potenzieller Käufer. Die wühlen lieber in den Kisten von Hamelmann und den anderen Schallplattenhändlern, die an diesem Maisonntag in der Europahalle Station machen. Hamelmann nennt sich "Vinyl-Junkie". Über CDs spricht er wie andere über nässende Hautekzeme. Und er fühlt sich bestätigt. Während die CD so allmählich wie sicher dem letzten Laserstrahl entgegenrotiert, ist die Schallplatte vitaler als prophezeit. Auch große Ketten wie "Saturn" geben Vinyl wieder eine Heimat - auch wenn Platten weiter ein Nischendasein führen: "Der Markt ist klein, aber dafür stabil", sagt Achim Lauber, der Veranstalter der Plattenbörse. "Jede Band, die etwas auf sich hält, bringt ihre Alben inzwischen wieder auf Vinyl heraus."

Schallplattenbörse? Wer da ältere Männer vor dem geistigen Auge sieht, die sich ein Stück Kindheit zurückkaufen wollen, um es unangetastet in den Schrank zu stellen, hat Recht. Wer 20-jährige Trierer Punkrock-Freunde sieht, die sich mit glänzenden Augen für 30 Euro eine alte "Leather face"-Platte kaufen, auch. Es ist eine kleine Szene, keine homogene, für die Schallplatten auch für einen anderen Umgang mit Musik stehen: für wärmeren Klang (ein subjektives Kriterium), für schöneres, größeres Artwork. Einfach für eine andere Art des Hörens. Nicht nur weil man nach 20, 30 Minuten die Seite wechseln muss. Was man auf den Börsen kaum findet, sind klassische Charts-Hörer, Mainstream-, Volksmusik- oder Schlager-Fans.

Was sich verkauft? Für Hamelmann ist das vor allem klassischer Rock, Progressive-Rock, Indie. An anderen Ständen läuft Jazz bestens, auch Rock'n'Roll oder Metal. Traditionell eine große Rolle spielt auch elektronische Musik oder Hip-Hop. Preislich ist fast alles drin - von der "Maxi" für einen Euro bis zur Originalpressung einer alten "Ronettes" (380 Euro). Die geht in Trier nicht über die Theke. Andere alte Schätzchen schon. Auch von den "Stones". Das rettet kein Leben mehr. Aber vielleicht einen Tag.

HINTERGRUND

Wo gibt es in der Region noch Schallplatten? Eine Auswahl: Eine feine Mischung gibt's in Trier bei Cafe Lübke Sounds und Tante Guerilla, die beide von einer "gestiegenen Nachfrage" sprechen. Auch der "Saturn" in Trier hat seit zwei Jahren wieder ein Schallplattenregal. Dort würden monatlich 150 bis 200 Platten gekauft. Bei Media Markt gibt's Vinyl auf Kundenbestellung. Auch das Musikhaus Reisser hat wieder Schallplatten im Angebot. Die Schwerpunkte liegen dort auf Klassik und Jazz. (vago)

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