Alles wie gewohnt und doch völlig anders

Trier · Eine künstlerisch erfolgreiche Spielzeit im Trierer Theater geht zu Ende - da wäre eine nette Spieloper wie Smetanas "Verkaufte Braut" eigentlich als gemütlicher Schlusspunkt ideal geeignet. Aber gemütlich geht es dieser Tage im Haus am Augustinerhof keineswegs zu.

Trier. Die Angst vor Sparmaßnahmen geht um, der Protest von Mitarbeitern und Ensemble läuft parallel zur engagierten Arbeit am laufenden Programm und der lebenswichtigen Werbung für die nächste Saison. Dazu kommt, dass die "Braut" die erste große Kooperation mit dem Theater Koblenz ist - im Hinblick auf die künftige Theaterlandschaft ein Projekt mit Brisanz.
Wie nervös alle sind, zeigt sich daran, dass der Koblenzer Theatersprecher verhindern will, dass die Presse über die Kooperation mit jemand anderem als den Intendanten spricht. Und auch die Trierer Sänger, sonst stets angenehm locker im Umgang mit den Medien, wünschen diesmal keinen Journalisten bei ihren Proben. "Das muss man verstehen", sagt ein Insider, "alles ist wie gewohnt und doch völlig anders."
Das könnte freilich auch als Devise über dem Regiekonzept von Thomas Münstermann stehen. Letztes Jahr hat er gekonnt das Augenzwinkernde aus Mozarts dramatischem "Don Giovanni" herausgekitzelt, diesmal geht es umgekehrt: Er spürt das Ungemütliche in Smetanas scheinbar volkstümlicher Komödie auf.
Die "Verkaufte Braut" wird meist als putzige böhmische Folklore gespielt, obwohl es auch um ernste Dinge geht: Um Mädchen, die von Heiratsvermittlern an solvente Kunden verkauft werden, um Armut und Gier, um Mobbing gegen Außenseiter.
"Keine Angst, wer das Folkloristische liebt, bekommt alles geboten", versichert Münstermann und verweist auf die ungewohnt großzügige Präsenz von Solisten, Chor, Extrachor, Ballett und Statisterie. Aber gleichzeitig stellt er die heile Welt, die er zeigt, infrage - mit manch echtem Knalleffekt, vor allem gegen Ende. Die dörfliche Idylle nur Illusion? Nur die Fantasie des stotternden Spottobjekts Wenzel? Münstermann will nicht zu viel verraten. Er bietet eben beides: Alles wie gewohnt und doch völlig anders.
Bühnenbildner Dirk Steffen Göpfert und Kostümbildnerin Ruth Groß betreten mit der Doppelproduktion für zwei Häuser kein Neuland. Göpfert hat lange in einem Landestheater mit wechselnden Spielstätten gearbeitet, Groß stattet regelmäßig "wandernde" Produktionen in Frankreich aus. Ihre Erfahrung: Kooperationen wie bei der "Verkauften Braut" können gut funktionieren, aber sie reduzieren den Aufwand kaum. Alles muss für das jeweilige Haus, in dem gespielt wird, neu aufbereitet werden.Koblenz Hoch-, Trier Breitformat


So hat bei der Planung auch die unterschiedliche Ästhetik der Bühnenräume in Trier und Koblenz eine Rolle gespielt. "Wir haben bewusst auf eine Einbeziehung des Zuschauerraums verzichtet", sagt Göpfert und verweist darauf, dass aufgrund der verschiedenen Bühnen "Koblenz eher ein Hochformat und Trier eher ein Breitformat wird".
Dass Münstermanns Trierer Inszenierung zwei Handlungsebenen miteinander verbindet, empfinden die Ausstatter als positive Herausforderung. "Ich bin kein Dekorateur", macht Göpfert klar, und Groß hat wenig Lust, ihre Kostüme auf Trachten-Folklore reduzieren zu lassen. "Wir wollen vor allem inhaltliche Ideen umsetzen", sagen beide unisono.Hoher Anspruch an die Sänger


Das werden in dieser Produktion auch die Sänger müssen - oder dürfen. Vor allem Luis Lay, dessen Rolle als behinderter Outsider Wenzel mächtig aufgewertet wird. Alexander Trauth könnte sich als Idealbesetzung für den rustikalen Heiratsvermittler Kezal entpuppen, die Titelrolle Marie ist bei Joana Caspar in guten Händen, und auf das Wiedersehen mit Carlos Aguirre (zuletzt im Kaiserslauterer "Wozzeck" sehr gelobt) als Hans darf man sich freuen.
Kein einfacher Job für Kapellmeister Jongbae Jee: Als Dirigent muss er für flottes Tempo sorgen, aber angesichts der nur scheinbar leichten, in Wahrheit aber durchaus komplizierten Musik auch alle Beteiligten zusammenhalten. Es könnte ein in jeder Hinsicht spannender Abend werden.
Premiere am 1. Juni, Vorstellungen am 4., 7., 14., 19., 29. Juni; 6., 12. 14. Juli. Karten: Theaterkasse, Telefon 0651/7181818, www.theater-trier.de

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