Als Neandertaler Eifeler Nashörner jagten

Als Neandertaler Eifeler Nashörner jagten

Abenteuer Archäologie: Funde aus Vulkankratern zeigen, welch gefährliches und hartes Leben die Urmenschen in Rheinland-Pfalz führten.

Die hohen Wälle des Vulkankraters schützen spielende Kinder vor dem eiskalten Wind der Tundra. Mit Holzstöcken greifen sie johlend imaginäre Mammuts an - so wie ihre Väter das tun, um die Gruppe zu ernähren. Am Rande des Kraters kauert eine Neandertaler-Frau vor einem mit Fellen bespannten Zelt und wartet mit wachsender Unruhe. Sie hat ein Feuer entfacht. Denn bald werden - hoffentlich - die Jäger mit ihrer Beute zurückkehren. Ob alle die Jagd überlebt haben? Ob es wohl wieder Verletzte gab, wie so oft, wenn das Großwild sich wehrt?

Vom Kraterrand aus, der einen perfekten Ausblick über die karge, baumlose Landschaft ermöglicht, hatten die Männer am Tag zuvor Wollnashörner gesehen und waren losgezogen, um mindestens eins der mächtigen Tiere mit ihren Speeren zu erlegen. Eine gefährliche Aufgabe. Die riesigen Hörner und die schiere Körpermasse der Tiere hatten schon manchen Jäger das Leben gekostet.

Wenn alles nach Plan gelaufen war, müssten die Männer ihre Beute inzwischen zerlegt haben. Die schweren Knochen lassen sie in der Tundra liegen - leichte Beute für die Höhlenlöwen. Nur die großen Fleischbatzen bringen sie mit zurück in die schützende Vulkanmulde, um sie mit feinem Feuersteinwerkzeug zu zerlegen.

Nach allem, was der rheinland-pfälzische Landesarchäologe und Steinzeitspezialist Axel von Berg im TV-Interview erklärt, könnte es sich so ähnlich zugetragen haben. Vor ein paar Zigtausend Jahren. In der Osteifel.

Dass man dies so gut weiß, ist den Vulkankratern zu verdanken, in denen die Überreste aus der mittleren Altsteinzeit unter Löß-Schichten hervorragend erhalten blieben. Zusammen mit vulkanischen Aschen ermöglichen die Ablagerungen zudem eine genaue Datierung der Funde.

Etwa 30 solcher Mulden, die Neandertalern als Jagdstationen dienten, sind in der Osteifel zu finden - zum Beispiel der Schweinskopf bei Bassenheim (180 000 bis 65 000 vor Christus) oder die Wannenköpfe bei Ochtendung (genutzt von 170 000 bis 70 000 vor Christus).

Neben den runden Bodenplatten zeltartiger Häuser, Steinwerkzeugen und Knochen von Nashörnern, Rentieren, Pferden, Bisons und Mammuts entdeckten die Archäologen in Ochtendung auch das 170 000 Jahre alte Schädeldach eines frühen Neandertalers: der älteste bekannte Rheinland-Pfälzer. Seine Überreste sind im Rahmen der vorZEITEN-Ausstellung (siehe Extra) noch bis Oktober im Mainzer Landesmuseum zu sehen - und sie geben Rätsel auf, wurde die Schädeldecke doch lange nach dem Tod des Mannes zu einer Schale hergerichtet.

Ebenfalls erstaunlich - aber erklärbar - sind die geborgenen Steinwerkzeuge: Denn sie bestehen aus Feuerstein, der in der Eifel gar nicht vorkommt. Die Rohmaterialien stammen von der Maas. "Die Neandertaler lebten nicht an einem Ort, sondern sie wanderten hin und her", sagt der Landesarchäologe.

Besonders guten Schutz vor dem rauen Klima boten ihnen die Vulkankrater, wo Kinder vielleicht Mammutjagen spielten, während draußen im eiskalten Wind der Tundra Nashörner zwischen Krüppelsträuchern grasten.Extra: LANDESAUSSTELLUNG

Dies ist die 170 000 Jahre alte Schädeldecke des ältesten bekannten Rheinland-Pfälzers. Foto: GDKE. Foto: Julie Naylor (g_kultur
Dies ist die 170 000 Jahre alte Schädeldecke des ältesten bekannten Rheinland-Pfälzers. Foto: GDKE. Foto: Werner Baumann (g_kultur

Zum 70. Geburtstag des Landes zeigt eine große Ausstellung in Mainz die Bandbreite dessen, was die heimischen Altertumsforscher in den vergangenen sieben Jahrzehnten entdeckt haben. Die Schau "vorZEITEN" - Archäologische Schätze an Rhein und Mosel" ist bis zum 29. Oktober im Landesmuseum in Mainz zu sehen und bietet einen Streifzug durch 800 000 Jahre Menschheitsgeschichte. Infos: www.vorzeiten-ausstellung.de

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