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Als Rembrandt und Dürer verschwanden

Als Rembrandt und Dürer verschwanden

Als erste städtische Institution in Trier legt das Stadtmuseum Simeonstift seine Vergangenheit während des Nationalsozialismus offen. Die Kunsthistorikerin Bettina Leuchtenberg hat die Geschichte des Museums erforscht. Die Ergebnisse werden heute als Aufsatz veröffentlicht.

Trier. Kunst und Nationalsozialismus: Die Nazi-Verstrickung vieler Museen wird erst seit wenigen Jahren erforscht. In der Zeit von 1933 bis 1945 wurden deutsche Museen zu Schaufenstern für deutsche Kunst. "Sie dienten zu Propagandazwecken", sagt die Kunsthistorikerin Bettina Leuchtenberg. Sie hat die Forschung um die Vergangenheit des Trierer Stadtmuseums Simeonstift geleitet. Das ist die erste städtische Institution in Trier, die sich um die Aufarbeitung ihrer Geschichte in der NS-Zeit kümmert. "Uns ist das Thema sehr wichtig", sagt Museumsdirektorin Elisabeth Dühr. "Beweis dafür sind verschiedene Ausstellungen, die sich mit der NS-Zeit befassen, wie zum Beispiel ,Malerfreundschaften in bedrohlicher Zeit\' oder ,Max Lazarus\'."
Ein Jahr Recherche


Die Recherche von Leuchtenberg hat ungefähr ein Jahr gedauert. "Quellen für die Forschung sind vor allem Akten und Dokumente aus dem Museum und aus Archiven sowie der zum Teil erhaltene Schriftwechsel mit den Behörden", sagt sie. Im Stadtarchiv Trier, in Archiven in Berlin und Koblenz und auch im Stadtmuseum selbst wurde sie fündig. "Auch Zeitungsberichte aus dieser Zeit sind wichtig, um mehr über die Ausstellungstätigkeit zu erfahren".
In den Dokumenten zeigt sich, was das Stadtmuseum in der NS-Zeit alles verloren hat. "Die Richtlinie aus dem Stadtrat war klar, das Museum sollte deutsche und vor allem regionale Kunst ausstellen", sagt die Kunsthistorikerin. Werke nichtdeutscher Herkunft mussten verkauft werden. Der damalige Museumsdirektor Walter Dieck widersetzte sich nicht, auch wenn das bedeutete, sich von wichtigen Namen zu trennen. "Grafiken von Rembrandt und Dürer wurden verkauft, außerdem Gemälde von italienischen und holländischen Meistern", sagt Leuchtenberg.
Was das Stadtmuseum einst besaß und was verkauft wurde, zeigen Listen aus den Personalakten von Walter Dieck. "Es sind Werke, für die das Museum internationales Ansehen erhalten hätte", sagt Dühr. Doch das alles wurde verkauft, um aus dem Erlös Werke anzukaufen, die dem "heimatlichen Charakter des Museums eher gerecht werden sollten", sagt Leuchtenberg. Darunter sind viele Gemälde und Statuen von Künstlern aus der Region, die die lokale Geschichte darstellen. "Es sind Werke, die eine gute Qualität besitzen und noch heute Teil der Ausstellungen sind", sagt die Museumsdirektorin. Gemeint sind zum Beispiel Werke von Heinrich Foelix oder Johann Anton Ramboux. Auch nationalsozialistische Kunst wurde angekauft, allerdings erst seit 1944. Die Skulptur "Trierer Mädchen" von Kurt Zimmermann ist ein Beispiel dafür. "Zimmermanns Werke entsprachen voll und ganz dem ästhetischen Zeitgeist der 1930er und 40er Jahre", sagt Leuchtenberg. Die NS-affinen Werke sind jedoch alle entweder durch die Bombardierungen zerstört worden oder verschollen.
Was die Recherche zeigt und die Kunsthistorikerin sowie die Museumsdirektorin überrascht, ist die rege Ausstellungstätigkeit des Hauses sogar in den Kriegsjahren. "Ich konnte mehr als 30 Einzelausstellungen in der Zeit zwischen 1935 und 1944 nachweisen", sagt Leuchtenberg. Die deutsche Bauernkunst, die Westmark in der Kunst oder die Weihnachtsausstellungen Trierer Künstler sind einige dieser Veranstaltungen.
Großmuseum in Planung


Es gab damals große Pläne für das Kulturleben in Trier: Geplant war ein "Großmuseum der Deutschen Westmark", "das ein Bollwerk vor den Augen Frankreichs hätte werden sollen", sagt Leuchtenberg. Das Landesmuseum, das Diözesanmuseum, das Städtische Moselmuseum, das Stadtarchiv sowie das Weinmuseum hätten im Kurfürstlichen Palais unter einem Dach geführt werden sollen. Der Umbau wurde auch begonnen, doch das Diözesanmuseum zog sich zurück, und das Projekt wurde nie vollendet. Nur das Stadtmuseum blieb zunächst in den repräsentativen Räumen des Kurfürstlichen Palais.
Nach dem Krieg war von dieser lebhaften Museumstätigkeit gar nichts mehr zu spüren. Dieck wurde von der französischen Besatzungsmacht als Mitläufer eingestuft und entlassen. "Sechs Jahre lang bemühte er sich mit Persilscheinen und vielen persönlichen Briefen an die Stadtverwaltung um eine Wiedereinstellung", sagt Leuchtenberg. 1951 gelang es ihm, zurückzukehren. Bis 1961 leitete Dieck das Museum, das in das Simeonstift verlegt wurde. "Und das, obwohl er keinen Widerstand geleistet und nichts unternommen hatte, um wichtige Kunstwerke zu retten”, sagt Leuchtenberg.
Der Aufsatz mit den Forschungsergebnissen erscheint im 52. Kurtrierischen Jahrbuch, das heute um 18 Uhr in der Trierer Stadtbibliothek (Weberbach) vorgestellt wird.