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Altes Stück in neuem Glanz

Altes Stück in neuem Glanz

LUXEMBURG. Das Grand Théâtre setzt weiter auf große Namen und Werke abseits ausgetretener Pfade. Quasi eine Uraufführung steht am Samstag, 29. Januar, auf dem Programm: Henry Purcells "Dido & Aeneas", erstmals ergänzt um Szenen, die bisher nicht zu sehen waren.

Die Gäste sind voll des Lobes über die Gastgeber. Die Arbeitsbedingungen seien paradiesisch, tagelang könne man ohne Unterbrechung proben, die Mitarbeiter von Technik und Verwaltung von unermüdlicher Hilfsbereitschaft, das ganze Haus sei ein Hort der Freundlichkeit.Wohin denn sonst, wenn nicht hierhin?

Deshalb habe Jochen Sandig auf die Frage von Freunden und Kollegen, warum man mit einem so ambitionierten Projekt ausgerechnet nach Luxemburg gehe, ganz erstaunt geantwortet: "Ja, wohin denn sonst?" So jedenfalls erzählt es der Dramaturg und Ehemann von Sasha Waltz (41). Die renommierte Choreografin ist für ihre erste Opernregie mit ihrem Ensemble "Sasha Waltz & Guests" ins beschauliche Großherzogtum gereist. Das Schöne an Luxemburg sei, setzt Sandig nach, dass es hier kaum Ablenkungen von der Arbeit gebe. Ein durchaus zweischneidiges Lob - das wird ihm beim Gelächter der Anwesenden klar. Grand-Théâtre-Direktor Frank Feitler schmunzelt derweil vergnügt vor sich hin. Mit Waltz & Compagnie ist ihm erneut ein Coup geglückt, der sein Haus auf dem Spielfeld der europäischen Kulturtempel ein Feld weiter nach vorn rücken lässt. Immer häufiger passiere es, berichtet er nicht ohne Stolz, dass sich überregionale und internationale Medien anmelden, um über die Premieren der größten Spielstätte in Luxemburg - und der angrenzen Region - zu berichten. Diesmal ist es sogar eine Uraufführung, zumindest eine halbe. Sasha Waltz, weltweit für ihre Choregrafien gelobt, inszeniert Henry Purcells "Dido & Aeneas". Da diese Barockoper nur fragmentarisch überliefert ist und nicht einmal eine Stunde füllt, die Werkgeschichte zudem einigermaßen verworren ist - Teile wurden erstmals 1700 in einer Aufführung von Shakespeares "Maß für Maß" vorgeführt -, fühlte Dramaturg Sandig sich frei, aus den Archiven fehlende Passagen hinzuzufügen beziehungsweise zu rekonstruieren. Musikalisch unterstützt wurde er dabei von dem Dirigenten Attilio Cremonesi, der die Partitur für die Mitglieder der "Akademie für alte Musik Berlin" arrangierte. In diesem Ensemble sind Instrumente wie Viola da Gamba, Theorbe und Barockgitarre, die einen "leichteren, luftigeren Klang" als herkömmliche Barockorchester produzieren, wie Folkert Uhde, geschäftsführender Manager der Akademie, erklärt. Ursprünglich, erzählt Sasha Waltz, sollte "Dido & Aeneas" von der Berliner Staatsoper und der Schaubühne realisiert werden. Aber die Direktion der Schaubühne, zu der Waltz und Sandig bis 2004 gehörten, winkte ab - nicht nur wegen der Kosten, sondern auch aus taktischen Gründen. Berlin, mit seinen drei Opernhäusern schon genug unter Kritikerbeschuss, sollte nicht noch mit einer weiteren Opernspielstätte Öl ins Feuer der Feuilletons gießen. Also suchte Jochen Sandig nach anderen Kooperationspartnern. In Luxemburg und Montpellier wurde er fündig. Immerhin kam die Staatsoper Unter den Linden doch noch mit ins Boot - deren Intendant Pe- ter Mussbach Waltz schon vor zwei Jahren gefragt hatte, ob sie "nicht mal eine Opernregie machen" wolle -, und etwas Geld steuert auch der Hauptstadtkulturfonds Berlin bei. "Wir sind jetzt", sagt Sasha Waltz, fast immer noch ein bisschen ungläubig, "Produzenten eines Stücks für zwölf Tänzer, 16 Choristen, sieben Sänger und 28 Musiker." Eine Choreografin macht Oper - braucht eine Tänzerin eigentlich Worte, um sich auszudrücken? Nicht wirklich, gibt Sasha Waltz zu. Und so ist es ganz natürlich, dass die Tanzszenen breiten Raum in der nun 90-minütigen Inszenierung einnehmen, in der das Ballett "nicht als Dekoration, wie oft in der Oper üblich" (Waltz) genommen wird, sondern als emotionales, Handlung gestaltendes Element eingesetzt ist. Manche Figuren, erläutert sie ihr Regiekonzept, werden sowohl von einem Tänzer als auch einem Sänger verkörpert. Schwierig sei es mitunter gewesen, den Übergang zwischen beiden Darstellern so geschmeidig zu gestalten, dass kein Bruch im Handlungsverlauf sichtbar wurde. "Und dann gibt es natürlich auch Grenzen, die wir beachten mussten: Sänger können ihren Körper nur bis zu einem gewissen Grad einsetzen, ohne ihre Stimme zu beeinträchtigen. Ich habe bei dieser Arbeit jedenfalls sehr viel gelernt über darstellerische Möglichkeiten", sagt Waltz. Und sie hofft, dass der Zuschauer in den Sog der Bilder hineingezogen und gar nicht mehr zwischen den einzelnen Gattungen - Tanz, Gesang, Chor - unterscheidet. Zur Compagnie Sasha Waltz gehören übrigens nicht nur die "Guests"; auch die jüngsten Familienmitglieder werden eingespannt. So hat László Leonardo, der achtjährige Sohn von Waltz und Sandig, ebenfalls eine Rolle in der Geschichte, in der Dido, Königin von Karthago, vergeblich auf ihren Bräutigam Aeneas wartet, weil der es vorzieht, statt einer Familie das Römische Reich zu gründen. Gefragt, ob der Filius für seine Arbeit, die ihm immerhin drei Wochen Schulbesuch in Berlin erspart, auch eine Gage kriegt, schaltet sich schnell die Mutter ein: "Bringen Sie ihn bloß nicht auf dumme Gedanken!" Premiere ist am Samstag, 29. Januar; weitere Vorstellungen am 1. und 3. Februar jeweils um 20 Uhr. Karten: 00352/4708951, E-Mail ticketlu@pt