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Am Ende weht ein Hauch von Wehmut durch die Halle

Am Ende weht ein Hauch von Wehmut durch die Halle

"Mitten im Leben" nennt Udo Jürgens seine mittlerweile 25. Tournee. In der voll besetzten Arena Trier hat er die Zuhörer mit auf eine musikalische Reise durch sein Leben genommen. Deren Reaktion: pure Begeisterung.

Trier. Der Flieger startet in Klagenfurt, kreist über Innsbruck und Wien, biegt ab nach Hamburg, macht eine scharfe Rechtskurve nach Moskau und Sankt Petersburg, fliegt westwärts über Paris nach Rio de Janeiro und landet - richtig! - in Trier. "Dabei gibt\'s hier doch gar keinen Flughafen", juxt der Sitznachbar. Kaum ist die weltumspannende Computeranimation auf der Leinwand zerbröselt, steht der Passagier in der Brandung von 9000-händigem Beifall am Flügel und legt los.
Das muss man sich mal vor die ungläubigen Augen führen: Der Mann da vorn ist 80 Jahre alt; quasi seit 15 Jahren in Rente. Damit bewegt er sich in Entertainment-Zeiträumen, die vor ihm keiner erreicht hat: weder Frank Sinatra noch Dean Martin, nicht Harry Belafonte und nicht Sammy Davis jr. Na gut, Tony Bennett vielleicht, aber den kennt hierzulande kaum einer. Damit wäre auch etwa das künstlerische Areal abgesteckt, auf dem Udo Jürgens Platzhirsch ist: ein deutschsprachiger Singer-Songwriter-Weltstar.
Was lange Jahre ein Widerspruch in sich war - der Österreicher hat ihn widerlegt. "Mitten im Leben" heißt der Titelsong seiner neuen CD und der Tournee, und das Energiebündel, das da vorn über die Bühne fegt, macht durchaus den Eindruck, weitere 80 Jahre stemmen zu können.
Die Stimme ist nach wie vor phänomenal: von metallischer Schärfe, schmelzendem Timbre, weich in den Tiefen. Zugegeben, in den Höhen hält er sich nicht länger als unbedingt nötig auf. Aber singen Sie mal mit 80 ein makellos gestochenes hohes Es!
Begleitet von dem unverwüstlichen Pepe Lienhard und seiner exzellent aufgelegten Band präsentiert er das Neueste aus seiner Werkstatt. Songs wie "Die riesengroße Gier" oder "Der gläserne Mensch" fehlt zwar das Ohrwurmpotenzial der frühen Werke, dafür träufeln sie ein bisschen viel und ein bisschen zu bemühte Gesellschaftskritik in die Ohren - und entbehren auch nicht eines Quäntchens Kitsch.
So richtig geht die Party erst nach der Pause los - mit dem "griechischen Wein", dem "ehrenwerten Haus", der unverwüstlichen Sahneschlacht, und immer wieder geht natürlich die Sonne auf. Die Letztgenannten präsentiert er im obligaten weißen Bademantel - beziehungsweise lässt präsentieren: Ein Sänger, der sich zurücklehnen kann und dem Publikum zuhört, wie es ihm seine Hits vorsingt, von dem kann man mit Fug und Recht behaupten, dass er es ins Evergreenparadies geschafft hat.
"Wir waren schon 2005 am Domfreihof dabei", erzählt eine Frau mit glänzenden Augen, die mit ihrer Tochter gekommen ist. Die beiden könnten für Schwestern durchgehen - Musik hält halt jung, nicht nur den Künstler. "Wir kommen auch zum nächsten Konzert", verspricht sie.
Ach ja, das nächste Konzert: Nach drei Stunden, der Applaus will wie immer kein Ende finden, kommt Jürgens ein letztes Mal heraus, trägt Jeans und ein weißes Hemd, das ihm halb aus der Hose hängt, ein an Dekaden reicher Teenager, sammelt Beifall und Rosen und verbeugt sich dankend gen Zuschauerraum.
Und doch flattert in diesem Moment ein Hauch von Wehmut durch die Halle. Denn, schauen wir den Tatsachen ins Auge: Dieses Konzert könnte, trotz allem, das letzte sein, das Udo Jürgen Bockelmann in Trier gegeben hat ... no