1. Region
  2. Kultur

Am Theater Trier hat demnächst Roberto Scafatis Ballett „Winterreise“ Premiere.

Ballett : Abschied, Einsamkeit und Liebessehnsucht

Am Theater Trier hat demnächst Roberto Scafatis neues Ballett „Winterreise“ Premiere.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“. Franz Schuberts „Winterreise“, die mit der eingangs zitierten Liedzeile beginnt, ist in diesen Zeiten so aktuell wie selten. Am 17. Oktober feiert der Liederzyklus als Ballett in der Choreographie von Roberto Scafati im Theater Trier Premiere. Zugegeben: In diesen Tagen und Monaten ist man geneigt, alles vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu sehen. Unbestritten ist allerdings auch, dass die Auswirkungen von Corvid 19 in solchem Ausmaß und so unvorstellbarer Zahl Menschen durch Kontaktbeschränkungen und Krankheit auf sich selbst zurückgeworfen haben, wie man sich das noch vor einem Jahr nicht hätte träumen lassen. Genau da, beim Stichwort Einsamkeit mit ihren Folgen und ihrer Verlusterfahrung, beim menschlichen Anspruch auf Nähe und Liebe setzt Schuberts berühmter Zyklus mit ergreifender Symbolkraft an.

Einfach beim Wort genommen ist die „Winterreise“ die gesungene Geschichte einer enttäuschten Liebe und dem daraus folgenden Aufbruch und Weg des zurückgewiesenen Wanderers, der sich bei der geliebten Frau vergeblich eine neue Heimat erhofft hatte. Allerdings taucht Schubert mit seiner Musik weit tiefer. In der Wanderung durch die schneebedeckte Landschaft stellt sich die existenzielle Situation des Menschen dar, seine Verlorenheit, seine Unbehaustheit, sein einsames Ringen, seine Glücksträume wie Liebessehnsucht. Für den Philosophen Theodor Adorno war Schuberts winterlicher Wanderer das Sinnbild des modernen getriebenen Menschen, der unentwegt unterwegs ist und nie ankommt, in einer Welt voll offener Fragen und vergeblich gesuchter Verlässlichkeiten.

Ein Jahr vor seinem Tod hat Schubert 1827 den romantischen Zyklus vollendet. Fast mag man ihn  für eine vorläufige Lebensbilanz des Komponisten halten. Den 24 Liedern, von denen Scafati 20 für seine Choreographie verwendet, liegen Texte des Dichters Wilhelm Müller zugrunde, einem Zeitgenossen Schuberts, der unter anderem von Dichtern wie Novalis und Clemens Brentano beeinflusst war. Bereits vier Jahre vorher hatte Schubert Müllers Gedichtsammlung „Die schöne Müllerin“ für seinen gleichnamigen Liederzyklus verwendet. Für den Trierer Ballettchef, der neben der Choreographie die gesamte Inszenierung verantwortet, ist die „Winterreise“ ein lang gehegter Projekt-Wunsch. „Jetzt ist der Moment dafür“, sagt Scafati. Die hochsubjektive romantische Musik des frühverstorbenen Wiener Komponisten, die subtil Seelenleben freilegt, fasziniert den Italiener. „Ich bin beeindruckt, wie ungeheuer modern Schubert komponiert hat“, sagt der Choreograph.

Dass das Projekt schon rein praktisch in Corona-Zeiten passt, liegt auch daran, dass der Zyklus, den alle großen Kunstlied-Sänger im Repertoire haben, ohne Orchester auskommt. In Trier singt ihn der Bariton Matthias Bein, am Klavier begleitet von Ketevan Rukhadze. Allerdings wird nicht nur Schubert zu hören sein. Als zweiten, ins Bild passenden Komponisten hat Scafati den Isländer Jóhann Jóhannsson und seine Musik mit ins Boot genommen, der einem breiten Publikum durch seine Filmmusiken bekannt ist. Der für den „Oscar“ nominierte Golden-Globe-Preisträger aus dem weithin menschenleeren Land im Hohen Norden liebte nach eigenem Bekunden die Stille und Einsamkeit. Die erhielt er sich auch im lärmenden Berlin in seinem Hinterhof-Atelier, wo er 2018 an einer Überdosis Kokain 48-jährig starb. Inspirieren ließen der Choreograph und seine Tanz-Dramaturgin Anna-Luella Zahner sich  zudem vom Buch „Winterreise“  des englischen Tenors Ian Bostridge.

Premiere: 17. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus. Weitere Termine am  18. Oktober, 18 Uhr sowie am 23. und 31. Oktober, jeweils um  19.30 Uhr. Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.